Kapitel 1 – Grundlagen | Ausbildungsplattform

Kapitel 1 – Grundlagen

Ausbildungsplattform (Tier-Notruf)

1. Notfallkette und Einsatzstruktur

Notfallkette und Einsatzstruktur (Hund)
Abbildung 1: Notfallkette – von Alarmierung bis Übergabe (schematisch).
HANDLUNGSVORGABEN

Notfallkette: Schrittfolge, Mindestmaßnahmen, Entscheidungspunkte

1) Alarmierung / Vorab-Lagebild (Telefon/Leitstelle)

  • Basisdaten sichern: Tierart, Größe/Gewicht, Unfallmechanismus, Bewusstsein/Atmung/Blutung, Standort/Zugänglichkeit, Gefahren (Verkehr, Aggression, Giftstoffe).
  • Ressourcen ableiten: zweites Team/Polizei/Feuerwehr bei Verkehr, Absturz, Wasser, unklarer Aggression oder technischer Rettung.
  • Vorbereitung: PSA, Maulkorb/Leine/Decke, Trage, Sauerstoff, Blutungskontrolle (Druckverband), Wärmeerhalt, Dokumentation.

Ziel: in Sekunden eine belastbare Priorität (kritisch/stabil) und Risikoabschätzung erstellen.

2) Eigensicherung & Szenensicherheit (immer vor Patientenkontakt)

  • Stop–Look–Assess: Verkehr sichern, Abstand, Fluchtwege, Tierverhalten, Halter emotional abholen.
  • PSA: Handschuhe, Warnweste, ggf. Schutzbrille; Biss-/Kratzschutz nach Lage.
  • Tier sichern: Leine/Transportbox/Decke; Maulkorb nur, wenn Atemweg/Atmung nicht gefährdet wird.
NICHT in Gefahrenzone arbeiten. Erst Umgebung sichern – dann Behandlung.

3) Primary Survey (Treat first what kills first)

  • Erstkontakt: Bewusstsein, Atemmuster, starke Blutung – in dieser Reihenfolge.
  • Sofortmaßnahmen: Atemweg freimachen, Sauerstoff starten, massive Blutung stoppen, Wärmeschutz beginnen.
  • Reevaluation: nach jeder Intervention erneut A/B/C prüfen.

4) Transport als Therapie

  • Transportpriorität: Dyspnoe, Schockzeichen, neurologische Auffälligkeit, starke Schmerzen, Trauma mit Verdacht auf innere Blutung → sofort Klinik.
  • Vorankündigung: Tierdaten, Mechanismus, Vitalparameter (Trend), Maßnahmen & Wirkung, ETA.
  • Monitoring sichern: Lagerung stabil, Wärmeerhalt, Blutungskontrolle, Sauerstoff während Fahrt.
Red Flags → sofortige Eskalation/rascher Transport: Bewusstlosigkeit, Atemnot/Stridor/Zyanose, massive Blutung, blasse/graue Schleimhäute + CRT > 3 s, schwacher Puls, rasch zunehmende Schwäche, Krämpfe, Hypothermie, Verdacht auf Thorax-/Abdomenverletzung.

Kapitel 1 bildet die systematische Grundlage der Ausbildung in der präklinischen Tierrettung und definiert die fachlichen, organisatorischen sowie rechtlichen Rahmenbedingungen für ein sicheres und effektives Vorgehen. Im Zentrum steht die strukturierte Notfallkette, die sich in die Abschnitte Alarmierung, Einsatzvorbereitung, Eigensicherung, Erstbeurteilung, Stabilisierung, Transportorganisation und qualifizierte Übergabe gliedert. Diese Abfolge ist nicht zufällig, sondern folgt einer prioritätenorientierten Logik, die sicherstellt, dass vitale Gefährdungen frühzeitig erkannt und adressiert werden. Die konsequente Einhaltung dieser Struktur ist im Einsatzalltag bedeutsamer als die isolierte Optimierung einzelner Parameter.

Bereits die Notrufannahme beeinflusst maßgeblich die Qualität des weiteren Einsatzverlaufs. Eine strukturierte Abfrage reduziert Informationsverluste und schafft ein belastbares Lagebild. Wesentliche Parameter sind Tierart, Rasse oder Größe, geschätztes Gewicht, exakter Einsatzort, Zugänglichkeit, aktuelle Gefahrenlage, Bewusstseinszustand, Atmungsmuster, sichtbare Blutungen, vorbestehende Erkrankungen sowie besondere Verhaltensmerkmale. Ziel ist es, innerhalb kurzer Zeit eine einsatztaktische Einschätzung vorzunehmen, geeignete Ressourcen zu disponieren und potenzielle Risiken für Einsatzkräfte und Tier frühzeitig zu identifizieren. Unklare oder unvollständige Informationen erhöhen die Wahrscheinlichkeit taktischer Fehlentscheidungen und können zu Verzögerungen in der Versorgung führen.

Die Eigensicherung besitzt oberste Priorität und ist integraler Bestandteil jeder Einsatzphase. Gefahren ergeben sich typischerweise aus dem Straßenverkehr, unübersichtlichen Unfallstellen, aggressiven oder panischen Tieren, emotional stark belasteten Tierhaltern oder instabilen baulichen Situationen. Auch infektiologische Risiken oder Exposition gegenüber Gefahrstoffen sind zu berücksichtigen. Eine strukturierte Gefahrenanalyse vor Betreten der Einsatzstelle, das Tragen geeigneter persönlicher Schutzausrüstung sowie klare Teamkommunikation sind essenziell. Eine unzureichende Eigensicherung gefährdet nicht nur das Team, sondern kann den gesamten Rettungsablauf unterbrechen und die Patientenversorgung erheblich verzögern.

Der strukturierte Erstcheck dient der raschen Identifikation vital bedrohlicher Störungen und folgt dem Grundsatz „treat first what kills first“. Zunächst werden Bewusstsein, Atemwegssituation, Atmung und Kreislauf beurteilt. Zeichen einer Atemwegsverlegung, respiratorischen Insuffizienz oder massiven Blutung haben höchste Priorität. Ergänzend werden Schleimhautfarbe, Kapillarfüllungszeit, Pulsqualität, Herzfrequenz und Körpertemperatur erhoben. Ziel ist nicht die vollständige Diagnosestellung, sondern die sofortige Erkennung von Zuständen, die ohne unmittelbare Intervention zum Tod führen können. Sobald eine lebensbedrohliche Abweichung identifiziert wird, erfolgt die unmittelbare Maßnahme, bevor weiterführende Differenzierungen vorgenommen werden.

Die Stabilisierung umfasst alle präklinisch verfügbaren Maßnahmen zur Sicherung vitaler Funktionen. Hierzu zählen Atemwegssicherung und Oxygenierung, kontrollierte Blutungskontrolle mittels Druckverband oder Tourniquet bei geeigneter Indikation, Volumenstabilisierung im Rahmen der verfügbaren Mittel, Wärmeerhalt zur Prävention oder Behandlung einer Hypothermie sowie eine schonende, stressreduzierte Lagerung. Bei Hund und Katze ist zu berücksichtigen, dass Stress und Schmerz erhebliche Auswirkungen auf Herzfrequenz, Atemfrequenz und Blutdruck haben können. Die Interpretation einzelner Messwerte erfordert daher stets die Einordnung in den klinischen Gesamtkontext und die Beobachtung von Trends im zeitlichen Verlauf.

Der Transport stellt eine therapeutische Maßnahme dar und ist nicht lediglich logistischer Natur. Definitive Diagnostik wie bildgebende Verfahren, labordiagnostische Analysen oder chirurgische Interventionen stehen präklinisch nicht zur Verfügung. Daher ist die frühzeitige Entscheidung über Transportpriorität und Zielklinik elementarer Bestandteil der Behandlungsstrategie. Kriterien sind Verletzungsschwere, voraussichtlicher Interventionsbedarf, Erreichbarkeit spezialisierter Einrichtungen sowie Transportdauer. Eine strukturierte Voranmeldung mit Angabe von Patientendaten, Verdachtsdiagnose, Vitalparametern und bereits durchgeführten Maßnahmen ermöglicht der Zielklinik, personelle und technische Ressourcen rechtzeitig bereitzustellen.

Die Übergabe an die weiterbehandelnde Einrichtung gewährleistet die Kontinuität der Therapie. Eine strukturierte Kommunikation umfasst neben dem aktuellen Status insbesondere den zeitlichen Verlauf seit Alarmierung, relevante Vorbefunde, beobachtete Veränderungen sowie alle ergriffenen Maßnahmen einschließlich deren Wirkung. Standardisierte Übergabeschemata minimieren Informationsverluste und reduzieren das Risiko von Behandlungsfehlern. Dokumentation ist in diesem Zusammenhang ein zentrales Element der Qualitätssicherung. Sie dient der Nachvollziehbarkeit klinischer Entscheidungen, unterstützt die weitere Therapieplanung und besitzt darüber hinaus rechtliche Relevanz.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausbildung liegt auf Entscheidungsfindung und Priorisierung unter Zeitdruck. Einsatzkräfte müssen in der Lage sein, begrenzte Ressourcen zielgerichtet einzusetzen und Maßnahmen zu begründen. Jede Intervention ist mit einer systematischen Reevaluation zu verbinden: Welche Parameter haben sich verbessert? Bestehen weiterhin kritische Abweichungen? Ergibt sich eine neue Priorität? Diese zyklische Neubewertung erhöht die Patientensicherheit und verhindert, dass relevante Veränderungen übersehen werden.

Teamarbeit und klare Rollenverteilung sind wesentliche Faktoren für eine sichere Einsatzdurchführung. Eine definierte Aufgabenstruktur reduziert kognitive Belastung, vermeidet Doppelarbeit und minimiert Fehlerquellen. Klare Führungsstrukturen sowie standardisierte Kommunikationswege unterstützen eine effiziente Zusammenarbeit auch unter hoher emotionaler Belastung. Gleichzeitig sind rechtliche Rahmenbedingungen zu beachten, insbesondere im Hinblick auf Haftung, Tierschutzrecht, Einwilligungsfragen und Dokumentationspflichten. Die Kenntnis dieser Vorgaben schützt Tier, Halter und Einsatzkräfte gleichermaßen und schafft Handlungssicherheit.

Zusammenfassend verfolgt die präklinische Tierrettung das Ziel, unter Beachtung von Sicherheit, Struktur und Priorisierung eine rasche Stabilisierung zu erreichen und den Patienten ohne vermeidbaren Zeitverlust in eine geeignete weiterführende Versorgung zu überführen. Die Qualität des Einsatzes bemisst sich nicht an der Anzahl durchgeführter Maßnahmen, sondern an der strukturierten Entscheidungsfindung, der konsequenten Re-Evaluation und der lückenlosen Kommunikation entlang der gesamten Notfallkette.

Fallbeispiel: Alarmierung „Hund kollabiert nach Verkehrsunfall“. Beim Eintreffen zeigt sich eine unübersichtliche Verkehrslage mit fließendem Verkehr sowie stark emotional reagierende Halter. Durch konsequente Absicherung der Einsatzstelle, Tragen persönlicher Schutzausrüstung und kontrollierte Fixierung des Tieres wird ein sicheres Arbeitsumfeld geschaffen. Der strukturierte Erstcheck ergibt Hinweise auf respiratorische Beeinträchtigung und mögliche innere Blutung. Nach Sauerstoffgabe, Blutungskontrolle und Wärmeerhalt erfolgt die priorisierte Verbringung in eine geeignete Klinik. Die Voranmeldung enthält Zeitangaben, Vitalparameter, Trends und durchgeführte Maßnahmen, sodass chirurgische und intensivmedizinische Ressourcen vorbereitet werden können. Die strukturierte Übergabe gewährleistet einen nahtlosen Übergang in die definitive Versorgung.

2. ABCDE-Schema im Einsatz

ABCDE-Schema in der Tierrettung
Abbildung 2: ABCDE – Prioritäten in fester Reihenfolge (schematisch).
HANDLUNGSVORGABEN

ABCDE im Feld: klare „Wenn–Dann“-Entscheidungen & Minimal-Interventionen

A – Airway (Atemweg)

  • Beurteilung: Geräusche (Stridor), Würgen, Schaum/Blut, Maul-/Kieferverletzung, Zungenlage, Schutzreflexe.
  • Wenn Obstruktion/Verdacht: Maul öffnen, sichtbare Fremdkörper nur bei sicherer Sicht entfernen, Sekrete/Blut abwischen/absaugen (wenn verfügbar).
  • Wenn Bewusstsein ↓ / Aspirationsrisiko: Kopf/Hals neutral (Trauma!), Seitenlage/leicht kopftief nach Lage, engmaschige Reevaluation.
NICHT „blind“ in den Rachen greifen (Biss-/Verletzungsrisiko, Fremdkörper tiefer drücken).

B – Breathing (Atmung)

  • Immer: Sauerstoff frühzeitig starten, Stress senken, Lagerung so, dass Thorax frei arbeiten kann.
  • Wenn Dyspnoe/hohe Atemarbeit: minimaler Handling-Stress, keine unnötige Kompression (Decke/Trage nicht über Thorax spannen).
  • Wenn Thoraxtrauma-Verdacht: zügiger Transport; bei Verschlechterung sofort Reevaluation A/B und Voranmeldung „kritisch“.
Alarmzeichen B: Zyanose, pumpende Atmung, stark reduzierte Atembewegung, kollabierendes Tier → sofortige Transportpriorität.

C – Circulation (Kreislauf / Blutung)

  • Blutung zuerst stoppen: direkter Druck → Druckverband; bei Extremitätenblutung ggf. Tourniquet nur nach SOP/Training und Zeit dokumentieren.
  • Schock-Erkennung: blass/grau, CRT > 3 s, schwacher Puls, kalte Akren, Apathie.
  • Maßnahmen: Wärmeschutz, schonende Lagerung, Stress reduzieren; i.v./i.o.-Zugang/Flüssigkeit nur nach SOP/Kompetenz, sonst „scoop and run“.

D/E – Disability & Exposure

  • D: AVPU-orientiert (ansprechbar? reagiert auf Schmerz?), Pupillen, Krämpfe → Schutz vor Selbstverletzung, Reize reduzieren.
  • Hypoglykämie-Verdacht: Jungtiere/kleine Rassen, Schwäche, Tremor → BZ messen (wenn möglich) und nach SOP handeln.
  • E: Ganzkörpercheck (Wunden, Schmerzpunkte, Bauchumfang), dabei Wärme erhalten (Decke, Isolierung, trocknen).
NICHT „vollständige Diagnostik“ am Einsatzort erzwingen, wenn A/B/C instabil sind.

Das ABCDE-Schema bildet das zentrale strukturierende Entscheidungs- und Handlungsmodell im präklinischen Einsatz. Es priorisiert Maßnahmen nach dem Grad unmittelbarer Lebensgefahr und schafft damit ein reproduzierbares, teamübergreifend anwendbares Vorgehen. Die Abfolge ist strikt hierarchisch: Erst wenn ein Abschnitt suffizient beurteilt und – falls erforderlich – behandelt wurde, wird zum nächsten übergegangen. Dieses Prinzip verhindert, dass potenziell letale Störungen durch nachrangige Befunde überlagert werden. Das Schema ist zugleich dynamisch angelegt; nach jeder Intervention erfolgt eine erneute Bewertung beginnend bei A und B, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und Therapieeffekte zu überprüfen.

A – Airway (Atemweg): Im ersten Schritt wird die Durchgängigkeit des Atemwegs geprüft und gesichert. Zu berücksichtigen sind Fremdkörper, Blut, Erbrochenes, Zahn- oder Kieferverletzungen, Weichteilschwellungen, Larynxproblematiken sowie die Zungenlage. Bei Tieren kann zusätzlich ein Maulkorb oder eine provisorische Fixierung die Atemwegssituation beeinträchtigen und muss in die Beurteilung einbezogen werden. Schutzreflexe wie Schluck- und Hustenreflex geben Hinweise auf die Sicherung der Atemwege. Stress, Schmerz und Hypoxie können insbesondere bei Hund und Katze rasch zu Erschöpfung und Kollaps führen. Eine frühzeitige Atemwegssicherung und adäquate Oxygenierung sind daher essenziell, bevor weiterführende Diagnostik erfolgt.

B – Breathing (Atmung): Die Beurteilung der Atmung geht über die reine Frequenzmessung hinaus. Entscheidend ist die Atemarbeit: Thoraxexkursion, Einsatz der Bauchmuskulatur, Atemtiefe, Atemgeräusche wie Stridor oder Rasseln, Hecheln außerhalb thermoregulatorischer Situationen, Zyanose oder vermehrtes Nasenflügeln liefern Hinweise auf respiratorische Insuffizienz. Auch traumatische Ursachen wie Pneumothorax, Hämatothorax oder Rippenserienfrakturen sind differenzialdiagnostisch zu bedenken. Die Auskultation beider Thoraxseiten ermöglicht eine orientierende Beurteilung der Ventilation. Ziel ist die rasche Identifikation einer ventilatorischen oder oxygenatorischen Störung und deren unmittelbare Therapie.

C – Circulation (Kreislauf): Die Kreislaufbeurteilung umfasst mehr als eine isolierte Blutdruckmessung. Pulsqualität, Herzfrequenz, Kapillarfüllungszeit, Schleimhautfarbe, Temperatur der Akren sowie sichtbare oder verborgene Blutungsquellen liefern Hinweise auf Perfusionsstatus und Schockgeschehen. Zeichen der Zentralisation, verlängerte Rekapillarisierungszeit oder blasse bis graue Schleimhäute deuten auf eine kritische Minderperfusion hin. Neben äußeren Blutungen müssen auch innere Blutungen in Betracht gezogen werden, insbesondere bei Trauma. Priorität besitzt die rasche Blutungskontrolle und – im Rahmen der präklinischen Möglichkeiten – die Stabilisierung des Kreislaufs, um sekundäre Organschäden zu vermeiden.

D – Disability (Neurologischer Status): Dieser Abschnitt bewertet Bewusstseinslage, Pupillenreaktion, motorische Funktionen und Schmerzreaktion. Veränderungen können Ausdruck eines Schädel-Hirn-Traumas, metabolischer Entgleisungen oder schwerer Hypoxie sein. Bei Verdacht auf Hypoglykämie, insbesondere bei jungen, kleinen oder geschwächten Tieren, kann eine Blutzuckermessung indiziert und potenziell lebensrettend sein. Krampfaktivität erfordert umgehendes Handeln zur Vermeidung sekundärer Schäden. Ziel ist die frühzeitige Erkennung neurologischer Beeinträchtigungen und deren Einordnung in das Gesamtbild.

E – Exposure/Environment (Exposition und Umgebung): Abschließend wird der Patient vollständig inspiziert, um verdeckte Verletzungen nicht zu übersehen. Dabei ist gleichzeitig auf Wärmeerhalt zu achten, da insbesondere traumatisierte Tiere rasch auskühlen. Hypothermie verschlechtert Gerinnung, Kreislaufstabilität und Prognose. Auch Umgebungsfaktoren wie Nässe, Kälte oder Hitze sind aktiv zu berücksichtigen. Die vollständige Untersuchung erfolgt strukturiert und zügig, ohne die zuvor gesicherten Vitalfunktionen zu gefährden.

Das ABCDE-Schema ist zyklisch angelegt. Nach jeder therapeutischen Maßnahme erfolgt eine erneute Beurteilung beginnend bei den Atemwegen. Dieses Prinzip der kontinuierlichen Reevaluation stellt sicher, dass Verschlechterungen früh erkannt und Therapieerfolge objektiviert werden. Sobald eine lebensbedrohliche Abweichung identifiziert ist, wird unmittelbar gehandelt; differenzialdiagnostische Vertiefungen erfolgen erst nach Stabilisierung der Vitalfunktionen. Die Reihenfolge der Schritte besitzt dabei höhere Priorität als die Perfektion einzelner Messwerte.

Dokumentation ist integraler Bestandteil dieses Prozesses. Sie dient nicht administrativen Zwecken, sondern der Patientensicherheit, der Qualitätssicherung und der rechtlichen Absicherung. Erhobene Befunde, Zeitpunkte, Maßnahmen und beobachtete Trends müssen nachvollziehbar festgehalten werden, um eine lückenlose klinische Weiterbehandlung zu ermöglichen. Gerade bei Hund und Katze können Stress und Schmerz physiologische Parameter deutlich beeinflussen; deshalb ist die Bewertung im Verlauf entscheidend. Einzelwerte ohne Kontext besitzen nur begrenzte Aussagekraft.

Strukturierte Kommunikation innerhalb des Teams sowie mit der aufnehmenden Klinik reduziert Informationsverluste und verbessert die Versorgungsqualität. Eine klare Rollenverteilung senkt die kognitive Belastung in kritischen Situationen und erhöht die Handlungssicherheit. In der Ausbildung wird daher wiederholt trainiert, Befunde zu priorisieren, Entscheidungen fachlich zu begründen und im Verlauf systematisch zu reevaluieren. Rechtliche Rahmenbedingungen – insbesondere im Hinblick auf Tierschutz, Haftung und Dokumentationspflicht – sind bekannt und konsequent einzuhalten, um Tier, Halter und Einsatzkräfte gleichermaßen zu schützen.

Ziel des ABCDE-basierten Vorgehens ist nicht die abschließende Diagnostik am Einsatzort, sondern die rasche Stabilisierung und die strukturierte Vorbereitung auf den Transport in eine geeignete weiterführende Einrichtung. Eine konsequente Priorisierung, kontinuierliche Neubewertung und klare Kommunikation entlang der gesamten Notfallkette bilden die Grundlage für eine sichere und effektive präklinische Versorgung.

Fallbeispiel: Hund nach Bissverletzung hechelt, speichelt und wirkt schwach. Durch konsequentes ABCDE werden zuerst Atemweg/Atmung stabilisiert (Sauerstoff, stressarme Lagerung), dann Perfusion beurteilt (CRT, Puls) und Hypothermie verhindert. Erst danach folgt Detaildiagnostik und Transport.

3. Vitalparameter und klinische Interpretation

Vitalparameter (Hund) – Übersicht
Abbildung 3: Wichtige Vitalparameter – Messung, Normalbereiche und Interpretation.
HANDLUNGSVORGABEN

Vitalparameter: Mess-Standard, Trendlogik, Entscheidungsschwellen

Messstandard (damit Werte verwertbar sind)

  • Immer zusammen dokumentieren: Zeit, Zustand (Stress/Schmerz/Temperatur), Lagerung, Sauerstoff ja/nein.
  • CRT/Schleimhäute/Puls sind präklinisch oft aussagekräftiger als einzelne Blutdruckwerte.
  • Wiederholen: bei kritischen Patienten alle 3–5 min (oder nach jeder Maßnahme).
  • Fehlerquellen minimieren: ruhige Handhabung, passende Manschette, Warmhalten, Bewegungsartefakte reduzieren.

Interpretation (klinische Gesamtschau statt Einzelzahl)

  • Schockverdacht bei Kombination: blass/grau + CRT > 3 s + schwacher Puls + Apathie/kühle Akren.
  • Respiratorische Krise bei: Zyanose, stark erhöhte Atemarbeit, paradoxe Atmung, Kollaps/Ermüdung.
  • Neurologisch kritisch bei: Bewusstsein ↓, Krämpfe, anisokore Pupillen, fehlende Reaktionen.
  • Temperatur ist Therapieparameter: Hypothermie aktiv verhindern (isolieren, trocken, Wärmeerhalt).
„Trend schlägt Zahl“ – Transportpriorität erhöhen, wenn: CRT verlängert sich, Puls wird schwächer, Bewusstsein nimmt ab, Atemarbeit steigt, Temperatur fällt, oder trotz Maßnahmen keine Stabilisierung erkennbar ist.
NICHT durch langes „Wert-Optimieren“ Zeit verlieren. Ziel ist Stabilisierung + sichere Transportfähigkeit und frühe Klinikzuführung.

Die fachgerechte Interpretation von Vitalparametern stellt eine zentrale Kernkompetenz in der präklinischen Notfallversorgung dar. Einzelwerte besitzen nur begrenzte Aussagekraft; entscheidend ist ihre Einordnung in den klinischen Kontext sowie die Beurteilung des zeitlichen Verlaufs. Herzfrequenz und Atemfrequenz sind hierbei häufige, jedoch störanfällige Parameter. Ein aufgeregter oder schmerzbelasteter Hund kann eine ausgeprägte Tachykardie zeigen, ohne dass eine hämodynamische Instabilität vorliegt. Umgekehrt kann ein Tier im fortgeschrittenen Schockstadium trotz kritischer Hypoperfusion bradykard erscheinen. Die isolierte Betrachtung der Frequenz ist daher unzureichend; erst in Kombination mit weiteren Perfusionsparametern entsteht ein belastbares Gesamtbild.

Die Schleimhautfarbe und die kapilläre Rekapillarisierungszeit (CRT) liefern unmittelbare Hinweise auf die periphere Perfusion. Eine CRT von mehr als zwei bis drei Sekunden, blasse oder graue Schleimhäute, kalte Akren und ein schwacher, fadenförmiger Puls sprechen für eine relevante Hypoperfusion. Demgegenüber können gerötete Schleimhäute und kräftige, „bounding“ Pulse in frühen distributiven Zuständen beobachtet werden. Diese scheinbar gegensätzlichen Befunde verdeutlichen, dass Schock unterschiedliche Erscheinungsformen annehmen kann und stets differenziert beurteilt werden muss. Die Kombination mehrerer klinischer Zeichen ist hierbei entscheidend.

Die Körpertemperatur besitzt eine doppelte Bedeutung: Sie ist diagnostischer Parameter und therapeutisches Ziel zugleich. Hypothermie verschlechtert Gerinnungsfähigkeit, myokardiale Leistungsfähigkeit und periphere Durchblutung und ist insbesondere bei Trauma- oder Schockpatienten prognostisch ungünstig. Eine aktive Wärmeerhaltung ist daher integraler Bestandteil der präklinischen Versorgung. Gleichzeitig können Hyperthermie oder stressbedingte Temperaturerhöhungen auftreten, die ebenfalls differenziert bewertet werden müssen. Temperaturmessungen sind deshalb stets in Verbindung mit Allgemeinzustand und Umgebungsbedingungen zu interpretieren.

Blutdruckmessungen können zusätzliche Hinweise liefern, sind jedoch im präklinischen Umfeld technisch fehleranfällig und häufig erst in fortgeschrittenen Stadien pathologisch. Bewegungsartefakte, Stressreaktionen oder unzureichende Manschettengröße beeinflussen die Messgenauigkeit erheblich. Der Trend wiederholter Messungen besitzt daher höhere klinische Relevanz als ein isolierter Einzelwert. Ein abfallender Blutdruck in Verbindung mit sich verschlechternder Pulsqualität und verlängerter CRT ist deutlich aussagekräftiger als eine einmalige Grenzwertüberschreitung.

Klinisches Denken bedeutet, Vitalparameter nicht isoliert, sondern integrativ zu bewerten. Mentale Lage, Reaktionsfähigkeit, Pulsqualität, Schleimhautfarbe, CRT und Atmungsmuster ergänzen sich gegenseitig und ergeben in ihrer Gesamtschau ein robustes Bild der Kreislauf- und Atemsituation. Wiederholte Messungen im Minutenabstand ermöglichen die Identifikation von Trends und schaffen Entscheidungsgrundlagen für weitere Maßnahmen. Sobald eine lebensbedrohliche Abweichung erkannt wird, erfolgt unverzüglich die priorisierte Intervention; differenzialdiagnostische Vertiefungen schließen sich erst nach Stabilisierung an.

Gerade bei Hund und Katze ist zu berücksichtigen, dass Stress und Schmerz erhebliche Auswirkungen auf Herz- und Atemfrequenz haben können. Eine scheinbare Tachypnoe kann Ausdruck von Angst sein, während eine reduzierte Atemfrequenz im Kontext von Erschöpfung oder zentralnervöser Beeinträchtigung kritisch zu werten ist. Die Beurteilung muss daher stets unter Berücksichtigung von Verhalten, Umgebung und vorangegangenen Ereignissen erfolgen. Die Bewertung von Trends ist hierbei entscheidend, da Veränderungen häufig aussagekräftiger sind als absolute Zahlenwerte.

Für den Einsatz bedeutet dies, dass die strukturierte Priorisierung der Maßnahmen wichtiger ist als die Optimierung einzelner Messgrößen. Die Einhaltung eines klaren Handlungsablaufs verhindert, dass diagnostische Detailfragen die Behandlung vitaler Probleme verzögern. Eine eindeutige Rollenverteilung innerhalb des Teams reduziert kognitive Belastung, ermöglicht paralleles Arbeiten und erhöht die Versorgungsqualität. Während eine Person Vitalparameter erhebt und dokumentiert, kann eine andere stabilisierende Maßnahmen durchführen, wodurch Zeitverluste vermieden werden.

Dokumentation ist integraler Bestandteil der Patientensicherheit. Zeitpunkte, Messwerte, beobachtete Trends und durchgeführte Interventionen müssen nachvollziehbar festgehalten werden. Dies gewährleistet eine lückenlose Weitergabe relevanter Informationen an die aufnehmende Klinik und unterstützt die dortige Therapieplanung. Strukturierte Kommunikation verhindert Informationsverlust und ermöglicht es der Zielklinik, personelle sowie technische Ressourcen frühzeitig zu mobilisieren.

In der Ausbildung wird daher wiederholt trainiert, Befunde zu priorisieren, klinische Entscheidungen zu begründen und im Verlauf systematisch zu reevaluieren. Jede Intervention ist mit einer erneuten Bewertung der Vitalparameter zu verknüpfen: Welche Veränderungen sind eingetreten? Ist eine Stabilisierung erkennbar oder zeigt sich eine Verschlechterung? Dieses zyklische Vorgehen erhöht die Sicherheit und minimiert das Risiko, relevante Dynamiken zu übersehen. Rechtliche Rahmenbedingungen, insbesondere im Hinblick auf Dokumentationspflicht und Sorgfaltspflicht, sind bekannt und konsequent einzuhalten.

Das übergeordnete Ziel der präklinischen Beurteilung von Vitalparametern besteht nicht in der abschließenden Diagnosestellung am Einsatzort, sondern in der frühzeitigen Erkennung kritischer Zustände, der Einleitung geeigneter Maßnahmen und der strukturierten Vorbereitung auf den Transport in eine geeignete Weiterbehandlung. Die Qualität der Versorgung bemisst sich dabei an der fachlich fundierten Gesamtschau, der kontinuierlichen Verlaufsbeurteilung und der klaren Kommunikation innerhalb der Notfallkette.

Fallbeispiel: Katze nach Sturz aus größerer Höhe: Herzfrequenz erhöht, Schleimhäute blass, CRT 3 Sekunden, Extremitäten kühl. Eine nicht valide Blutdruckmessung liefert inkonsistente Werte. Die Entscheidung basiert auf der Gesamtschau der Befunde sowie der wiederholten Verlaufsbeobachtung, die eine zunehmende Verschlechterung zeigt. Der Transport wird priorisiert und die Zielklinik mit Angabe der Trends vorangemeldet, um weiterführende Diagnostik und Therapie vorzubereiten.

4. Teamkommunikation und strukturierte Übergabe

Teamkommunikation und Übergabe (SBAR)
Abbildung 4: SBAR – strukturierte Übergabe an die Zielklinik.
HANDLUNGSVORGABEN

Kommunikation: Teamrollen, Closed Loop, SBAR-Übergabe (einsatzfertig)

Teamrollen (Start in 30 Sekunden)

  • Teamlead: Szenensicherheit, Prioritäten, Entscheidung Transport/Zielklinik, externe Kommunikation.
  • Med A: A/B (Atemweg, O2, Lagerung), Monitoring.
  • Med B / Assist: C/E (Blutung, Verbände, Wärmeschutz), Dokumentation/Material.

Bei 2er-Team: „Lead + Med“ klar benennen; Dokumentation kurz & chronologisch.

Closed-Loop (Pflichtstandard)

  • Auftrag mit Name: „Alex: Druckverband rechts hinten.“
  • Wiederholen: „Druckverband rechts hinten – verstanden.“
  • Bestätigung: „Bestätigt.“
  • Rückmeldung: „Druckverband sitzt, Blutung deutlich reduziert.“
NICHT „alle machen alles“ – das erhöht Fehler & lässt A/B/C-Lücken entstehen.

SBAR-Übergabe (Vorlage zum Ablesen)

  • S – Situation: „Hund, ca. 25 kg, VU/Trauma, derzeit dyspnoisch/Schockverdacht, O2 läuft.“
  • B – Background: „Zeitpunkt Ereignis, Mechanismus, relevante Vorerkrankungen/Medikation (falls bekannt).“
  • A – Assessment: „A/B/C/D/E + Trends (CRT, Puls, Schleimhäute, Atemarbeit, Temp).“
  • R – Recommendation: „Benötigt Schockraum/Thoraxdiagnostik/OP-Bereitschaft; ETA xx min.“
Eskalationskommunikation: Wenn Zustand kippt (Atemnot/Perfusion ↓/Bewusstsein ↓) → Teamlead meldet sofort: „Patient kritisch, Transportpriorität hoch, Ankunft xx min“ (Klinik/Leitstelle).

Die Qualität der präklinischen Versorgung wird maßgeblich durch die Teamkommunikation bestimmt. In der Tierrettung entstehen kritische Fehler erfahrungsgemäß seltener durch fehlendes Fachwissen als durch Missverständnisse, unklare Zuständigkeiten oder unvollständige Informationsweitergabe. Ein strukturiertes Kommunikationskonzept ist daher ebenso bedeutsam wie medizinische Expertise. Klare Rollenverteilung zu Einsatzbeginn – beispielsweise Teamleitung, Atemweg/Oxygenierung, Blutungskontrolle/Verbände sowie Dokumentation und externe Kommunikation – schafft Transparenz und reduziert Doppelarbeit oder Versorgungslücken. Jede Funktion ist eindeutig definiert, wodurch paralleles, koordiniertes Arbeiten ermöglicht wird.

Ein bewährtes Instrument ist die konsequente Anwendung der Closed-Loop-Kommunikation. Anweisungen werden klar adressiert, wiederholt und bestätigt. Beispiel: „Druckverband linke Hintergliedmaße anlegen.“ – „Druckverband linke Hintergliedmaße, verstanden.“ – „Bestätigt.“ Dieses Vorgehen minimiert Fehlinterpretationen, insbesondere in stressbelasteten Situationen mit hoher Geräuschkulisse oder emotionaler Dynamik. Die Teamleitung behält dabei den Gesamtüberblick, priorisiert Maßnahmen und sorgt für die Einhaltung des strukturierten Vorgehens. Gleichzeitig bleibt Raum für Rückmeldungen aus dem Team, um situative Veränderungen zeitnah zu berücksichtigen.

Die strukturierte Übergabe an die weiterbehandelnde Klinik ist ein zentraler Bestandteil der Notfallkette. Hier bietet sich beispielsweise das SBAR-Format an: Situation (aktueller Status und Anlass), Background (relevante Vorgeschichte und Ereignisablauf), Assessment (klinische Einschätzung mit Befunden und Trends) sowie Recommendation (empfohlene Maßnahmen oder vermuteter Interventionsbedarf). Entscheidend ist, nicht nur Einzelwerte zu kommunizieren, sondern insbesondere deren Verlauf: Hat sich die Herzfrequenz stabilisiert? Ist die Rekapillarisierungszeit rückläufig? Welche Maßnahmen wurden zu welchem Zeitpunkt durchgeführt, und wie reagierte der Patient darauf? Diese Informationen ermöglichen es der Zielklinik, Operationsbereitschaft, Blutprodukte, Bildgebung oder Intensivkapazitäten frühzeitig zu disponieren.

Dokumentation ist integraler Bestandteil der Teamkommunikation und dient der Patientensicherheit. Erfasst werden Einsatzzeiten, Vitalparameter, erhobene Befunde, durchgeführte Maßnahmen, applizierte Medikamente sowie besondere Ereignisse oder Komplikationen. Eine präzise, chronologische Dokumentation erleichtert die klinische Weiterbehandlung und besitzt zugleich rechtliche Relevanz. Rechtliche Rahmenbedingungen – insbesondere im Hinblick auf Sorgfaltspflicht, Tierschutz und Haftung – sind bekannt und werden konsequent beachtet. Sie schaffen einen verbindlichen Handlungsrahmen für alle Beteiligten.

Auch die Kommunikation mit Tierhaltern ist Teil des professionellen Einsatzmanagements. Sie erfolgt ruhig, sachlich und transparent. Informationen werden verständlich vermittelt, ohne falsche Sicherheit oder unbegründete Prognosen zu geben. Gleichzeitig wird die emotionale Belastung der Halter berücksichtigt. Klare Aussagen zu geplanten Maßnahmen und zum weiteren Ablauf schaffen Orientierung und Vertrauen. Eine strukturierte Kommunikation nach außen reduziert Stressfaktoren, die sich indirekt auf das Einsatzgeschehen auswirken können.

Im operativen Ablauf gilt das Prinzip der Priorisierung: Sobald eine lebensbedrohliche Abweichung erkannt wird, erfolgt die unmittelbare Intervention; differenzierende Überlegungen schließen sich erst nach Stabilisierung an. Die Reihenfolge der Schritte ist wichtiger als die Optimierung einzelner Messwerte. Gerade bei Hund und Katze können Stress und Schmerz Vitalparameter erheblich beeinflussen, weshalb Trends und Gesamtschau entscheidend sind. Die Teamleitung stellt sicher, dass Interventionen regelmäßig reevaluieren werden: Welche Maßnahme war effektiv? Wo besteht weiterhin Handlungsbedarf?

In der Ausbildung wird diese strukturierte Vorgehensweise wiederholt trainiert. Simulationen fördern das Priorisieren unter Zeitdruck, das klare Formulieren von Anweisungen sowie die konsequente Reevaluation nach jeder Intervention. Eine eindeutige Rollenverteilung reduziert kognitive Belastung, verbessert die Übersicht und erhöht die Sicherheit für Mensch und Tier gleichermaßen. Ziel ist nicht die vollständige Problemlösung am Einsatzort, sondern die stabile Vorbereitung des Patienten auf den Transport und die definitive Versorgung ohne vermeidbaren Zeitverlust.

Strukturierte Kommunikation bildet somit das verbindende Element zwischen medizinischer Maßnahme, Teamkoordination, Dokumentation und klinischer Weiterbehandlung. Sie verhindert Informationsverluste, erhöht die Effizienz und trägt wesentlich zur Versorgungsqualität bei. Eine professionelle Teamkommunikation ist daher kein ergänzender Aspekt, sondern ein zentraler Bestandteil der präklinischen Tierrettung.

Fallbeispiel: Ein zweiköpfiges Team versorgt einen schwer verletzten Hund nach Verkehrsunfall. Person A übernimmt Atemwegssicherung und Sauerstoffgabe, Person B kontrolliert eine starke Blutung an der Hintergliedmaße. Die Teamleitung koordiniert mittels Closed-Loop-Kommunikation („Druckverband rechts – bitte bestätigen“). Die Übergabe an die Klinik erfolgt strukturiert im SBAR-Format mit Darstellung der Vitalparameter-Trends und der durchgeführten Maßnahmen. Die Klinik bereitet unmittelbar OP und Intensivplatz vor, wodurch wertvolle Zeit eingespart wird.

5. Rechtliche und ethische Grundlagen

Recht und Ethik im Einsatz
Abbildung 5: Recht/Ethik – Einwilligung, Dokumentation, Tierwohl und Datenschutz.
HANDLUNGSVORGABEN

Recht/Ethik: Handlungsrahmen, Einwilligung, „Gefahr im Verzug“, Dokumentation

Einwilligung & Kommunikation mit Haltern

  • Standard: kurz erklären, was jetzt passiert (Prioritäten), und Einwilligung einholen.
  • Wenn Halter blockiert: ruhig bleiben, Risiken konkret benennen („Atemnot/Schock kann in Minuten tödlich sein“), Optionen geben (Transport/Zielklinik).
  • Wenn Halter nicht anwesend oder nicht entscheidungsfähig: Fokus auf Tierwohl, minimal notwendige Maßnahmen.

„Gefahr im Verzug“ (Notlage)

  • Indikation: unmittelbare Lebensgefahr oder erhebliche Verschlechterung ohne sofortige Maßnahme (z. B. massive Blutung, Atemnot, Bewusstlosigkeit).
  • Vorgehen: nur notwendige Maßnahmen zur Stabilisierung + schnellstmöglicher Transport.
  • Dokumentation: Befunde + Begründung, warum sofortiges Handeln nötig war.

Dokumentations-Checkliste (rechtssicher & klinisch nützlich)

  • Objektiv: Fakten statt Wertungen (keine Schuldzuweisungen, keine Spekulation).
  • Zeitstrahl: Alarm → Eintreffen → Befunde → Maßnahmen → Reaktionen → Abfahrt → Übergabe.
  • Kompetenzgrenzen: Was wurde warum nicht gemacht (z. B. „kein i.v.-Zugang möglich wegen Aggression/Instabilität“).
  • Datenschutz: nur notwendige personenbezogene Daten, zweckgebundene Weitergabe.
NICHT invasive Maßnahmen außerhalb der Qualifikation / ohne SOP/Anordnung durchführen. Wenn unsicher: Stabilisieren, Stress reduzieren, rascher Transport, frühzeitige Rücksprache (Leitstelle/Klinik).

Rechtliche und ethische Grundlagen sind integraler Bestandteil der präklinischen Tierrettung und sichern die professionelle Handlungsfähigkeit im Einsatz. Sie definieren den verbindlichen Rahmen, innerhalb dessen medizinische Entscheidungen getroffen werden. Zentrales Leitprinzip ist das Tierwohl. Ziel ist es, Leiden zu minimieren, Stress zu reduzieren und eine fachlich angemessene Versorgung im Rahmen der eigenen Qualifikation und Kompetenzen sicherzustellen. Jede Maßnahme muss sowohl medizinisch indiziert als auch rechtlich vertretbar und ethisch begründet sein.

Grundsätzlich ist die Einwilligung des Tierhalters anzustreben. Sie bildet die rechtliche Grundlage diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen. In akuten Notlagen kann jedoch eine Situation der „Gefahr im Verzug“ vorliegen, in der sofortiges Handeln erforderlich ist, um erhebliche Schäden oder den Tod des Tieres abzuwenden. In solchen Fällen ist eine zeitkritische Intervention auch ohne ausdrückliche Zustimmung gerechtfertigt, sofern sie verhältnismäßig und medizinisch notwendig ist. Die Einschätzung dieser Situation erfordert fachliche Kompetenz und eine sorgfältige Dokumentation der Entscheidungsgrundlage.

Typische Konfliktsituationen sind Bestandteil der Ausbildung und müssen strukturiert bewältigt werden. Hierzu zählt etwa die Ablehnung eines Transports durch den Halter trotz kritischer Befundlage. Ebenso können widersprüchliche Aussagen mehrerer Beteiligter oder gefährliche Umgebungsbedingungen die Entscheidungsfindung erschweren. In solchen Konstellationen ist eine ruhige, sachliche Aufklärung über Risiken, Prognoseunsicherheiten und Behandlungsoptionen erforderlich. Ziel ist eine informierte, tierwohlorientierte Entscheidung unter Wahrung der Professionalität.

Dokumentationspflichten besitzen in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung. Ein sachliches, objektives Protokoll mit klaren Zeitangaben, erhobenen Befunden, empfohlenen Maßnahmen und getroffenen Entscheidungen schützt Tier, Halter und Einsatzkräfte gleichermaßen. Spekulationen oder wertende Formulierungen sind zu vermeiden. Die Dokumentation dient nicht nur der rechtlichen Absicherung, sondern ist zugleich Grundlage der klinischen Weiterbehandlung und damit Teil der Patientensicherheit.

Datenschutz ist ebenfalls zu beachten. Es werden ausschließlich solche personenbezogenen Daten erhoben und weitergegeben, die für die medizinische Versorgung erforderlich sind. Die Informationsweitergabe an die Zielklinik erfolgt zweckgebunden und beschränkt sich auf relevante medizinische Inhalte. Ein verantwortungsvoller Umgang mit sensiblen Daten stärkt das Vertrauen der Halter und entspricht den rechtlichen Vorgaben.

Ethisch zentral ist das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Invasive Maßnahmen dürfen nur bei klarer Indikation, entsprechender Qualifikation und unter Berücksichtigung des Risikoprofils durchgeführt werden. Bestehen Zweifel an Kompetenz oder Nutzen-Risiko-Abwägung, stehen Stabilisierung und rascher Transport in eine geeignete Einrichtung im Vordergrund. Ziel ist nicht die vollständige Problemlösung am Einsatzort, sondern die Herstellung von Transportfähigkeit und die Übergabe in definitive Versorgung ohne vermeidbaren Zeitverlust.

Ein professionelles Auftreten umfasst darüber hinaus respektvollen Umgang mit Tierhaltern, Helfern und weiteren Beteiligten. Emotionale Ausnahmesituationen erfordern Empathie, klare Sprache und deeskalierende Kommunikation. Konflikte werden sachlich adressiert, ohne Schuldzuweisungen oder Konfrontation. Eine strukturierte Teamkommunikation verhindert interne Missverständnisse und unterstützt die Einhaltung des prioritätenorientierten Vorgehens. Die Reihenfolge der Maßnahmen ist dabei entscheidender als die Perfektion einzelner Messwerte.

Gerade bei Hund und Katze ist zu berücksichtigen, dass Stress und Schmerz Vitalparameter erheblich beeinflussen können. Die klinische Beurteilung erfolgt daher stets im Kontext von Gesamtschau und Verlauf. Sobald eine lebensbedrohliche Abweichung erkannt wird, erfolgt die unmittelbare Intervention; differenzierende Überlegungen schließen sich erst nach Stabilisierung an. Eine klare Rollenverteilung im Team reduziert kognitive Belastung und erhöht die Sicherheit für alle Beteiligten.

In der Ausbildung wird wiederholt trainiert, ethische und rechtliche Aspekte in Entscheidungsprozesse zu integrieren. Fallbeispiele fördern die Fähigkeit, medizinische Priorisierung, rechtliche Rahmenbedingungen und kommunikative Kompetenz miteinander zu verbinden. Jede Intervention wird mit einer Reevaluation verknüpft: Welche Wirkung wurde erzielt? Besteht weiterer Handlungsbedarf? Dieses strukturierte Vorgehen stärkt die Handlungssicherheit und minimiert Fehlentscheidungen.

Recht und Ethik sind somit keine theoretischen Randthemen, sondern praktische Handlungsinstrumente. Sie schaffen Orientierung in komplexen Situationen, sichern Transparenz und tragen wesentlich zur Qualität der präklinischen Tierrettung bei. Die konsequente Beachtung dieser Grundsätze gewährleistet, dass medizinische Entscheidungen fachlich fundiert, rechtlich abgesichert und ethisch verantwortbar sind.

Fallbeispiel: Ein Halter lehnt den empfohlenen Transport ab, obwohl das Tier klinische Zeichen einer relevanten Hypoperfusion zeigt. Das Team erläutert ruhig die erhobenen Befunde, die prognostischen Risiken und die Vorteile einer weiterführenden Diagnostik. Die Gesprächsinhalte sowie die Befundlage werden sachlich dokumentiert. Durch transparente Kommunikation und Einbindung der Zielklinik kann eine tierwohlorientierte Entscheidung erreicht und der Transport letztlich durchgeführt werden.

Selbsttest (10 von 20 Fragen)

Single-Choice: pro Frage eine richtige Antwort. Bestehensgrenze: 70%.

TRAINING

Arbeitsmodus für den Selbsttest (damit er wirklich lernwirksam ist)

  • Regel: Bearbeite jede Frage so, als würdest du am Einsatzort entscheiden (Eigensicherung → ABCDE → Wärmeschutz → Transport/Übergabe).
  • Bei Fehlern: Notiere warum du dich falsch entschieden hast (z. B. „zu früh Detaildiagnostik“ / „C-Bleeding unterschätzt“).
  • Transfer: Formuliere zu jeder falschen Antwort einen „Wenn–Dann“-Satz für den Einsatz (z. B. „Wenn CRT>3s + blass, dann Schockverdacht, Wärmeschutz + schneller Transport“).

Frage 1: Welche Aussage beschreibt die Notfallkette am besten?

Frage 2: Warum ist Eigensicherung ein eigenständiger Schritt?

Frage 3: Was ist die Grundidee des ABCDE-Schemas?

Frage 4: Woran erkennen Sie unter C (Circulation) am ehesten eine Hypoperfusion?

Frage 5: Welche Aussage zur Blutdruckmessung ist im Einsatz am zutreffendsten?

Frage 6: Welche Aussage zur Hypothermie im Notfall ist korrekt?

Frage 7: Welches Übergabeformat ist didaktisch und praktisch besonders geeignet?

Frage 8: Warum ist Closed-Loop-Kommunikation im Team wichtig?

Frage 9: Was gehört zur guten Dokumentation im Einsatz?

Frage 10: Welche Aussage zu Recht/Ethik trifft am ehesten zu?

Frage 11: Was ist das Hauptziel des Primary Survey (Erstcheck)?

Frage 12: Welche Maßnahme gehört typischerweise zu A (Airway)?

Frage 13: Was ist ein typisches Zeichen für respiratorische Insuffizienz (B – Breathing)?

Frage 14: Was ist bei massiver äußerer Blutung am wichtigsten?

Frage 15: Warum sind Trends (Verlauf) wichtiger als Einzelmesswerte?

Frage 16: Welche Aussage zur Schmerztherapie ist am zutreffendsten?

Frage 17: Was ist ein sinnvoller Bestandteil der Vorbereitung auf den Transport?

Frage 18: Welche Aussage zur Teamführung im Einsatz ist korrekt?

Frage 19: Was ist bei der Übergabe an die Zielstelle besonders wichtig?

Frage 20: Welche Aussage zur Qualitätssicherung passt am besten?

Fallsimulation (funktional)

Ziel: Prioritäten korrekt setzen (Eigensicherung → ABCDE → Wärmeschutz → Transport/Übergabe).

SIM

Debrief nach der Simulation (30–60 Sekunden, standardisiert)

  • 1) Was war die größte Gefahr? (Szene/Tier/Halter/Verkehr)
  • 2) Was war das größte medizinische Risiko? (A/B/C – was hätte zuerst töten können?)
  • 3) Welche Maßnahme hatte die größte Wirkung? (z. B. O2, Blutungskontrolle, Wärmeschutz)
  • 4) Welche Info hätte die Übergabe verbessert? (Trend, Zeiten, Reaktion auf Maßnahmen)
© Tier-Notruf Ausbildungsplattform · Kapitel 1 Grundlagen