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Kapitel 22 – Diagnostik, Monitoring & Übergabe | Ausbildungsplattform

Kapitel 22 – Diagnostik, Monitoring & Übergabe

Ausbildungsplattform (Tier-Notruf)

1. Primary Survey: strukturierte Diagnostik nach ABCDE

Primary Survey
Abbildung 1: Primary Survey – ABCDE als Schnellassessment mit Re-Evaluation.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Primary Survey im Feld strikt nach ABCDE durchführen: lebensbedrohliche Probleme zuerst erkennen, sofort adressieren und jede Maßnahme mit Re-Check absichern

1) ABCDE konsequent abarbeiten

  • Atemweg zuerst beurteilen
  • Atemarbeit aktiv beobachten
  • Perfusion/Blutung priorisieren
  • Bewusstsein kurz neurologisch prüfen
  • Environment nur so weit wie nötig öffnen

2) A/B/C sofort behandeln, wenn kritisch

  • A nicht sicher = Transport/Voranmeldung
  • Dyspnoe = Low-Stimulus-Care, Lagerung
  • Blutung = direkt komprimieren
  • Schockzeichen = Schonung + Wärmeschutz
  • nach Intervention erneut prüfen

3) Anamnese nur entscheidungsrelevant

  • Zeitlinie
  • Mechanismus
  • Vorerkrankungen
  • Medikamente
  • Gift-/Expositionshinweise

4) Immer Trend starten

  • Uhrzeit notieren
  • HF/AF dokumentieren
  • CRT / Schleimhäute festhalten
  • Bewusstseinslage eintragen
  • Veränderung nach Maßnahmen erfassen
Red Flags: Stridor, Zyanose, schwere Atemarbeit, massive Blutung, blasse Schleimhäute, verlängerte CRT, schwacher Puls, akuter Kollaps, rapide Vigilanzminderung, Krampfaktivität.
NICHT mit Nebenbefunden starten, sich in Detaildiagnostik verlieren, ein sichtbares C-Problem ignorieren oder nach einer Maßnahme ohne erneuten ABC-Check einfach „weitermachen“.

Das Primary Survey ist die präklinische Diagnostik-Grundlage: ein strukturierter Erstcheck, der in kurzer Zeit lebensbedrohliche Probleme erkennt, Prioritäten setzt und gleichzeitig eine saubere Ausgangsbasis für den weiteren Verlauf schafft. In der Tiernotfallrettung wird das Primary Survey konsequent nach ABCDE durchgeführt, weil dieses Raster auch unter Stress zuverlässig bleibt: Es zwingt zur Reihenfolge, verhindert Tunnelblick und macht die Versorgung für das ganze Team übernehmbar. Das Kapitel betont dabei einen Kernpunkt: Primary Survey ist kein „Formular“, sondern ein dynamischer Prozess. Er besteht aus wiederholten Kurzzyklen: beurteilen – intervenieren – erneut beurteilen. So entsteht klinische Kontrolle über eine Situation, die sich jederzeit verändern kann.

A (Airway) fragt: Ist der Atemweg frei und stabil? Hier wird nicht nur auf „Fremdkörper ja/nein“ geschaut, sondern auf typische präklinische Muster: Stridor, Schnarchen, Maulhöhlenblutung, Erbrechen, Speichelfluss, Schwellung der Zunge oder weiche Gewebe, die den Luftstrom behindern. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen mechanischer Obstruktion und funktioneller Obstruktion. Der Kurs trainiert, dass A immer mit B gekoppelt gedacht wird: Ein „frei wirkender“ Atemweg kann in Minuten kritisch werden, wenn Blutung nachläuft oder Erbrechen droht. Deshalb gehört zur A-Beurteilung auch das Risikomanagement: Lagerung, Stressreduktion, Vorbereitung von Material und die klare Entscheidung, wann „A nicht sicher“ bedeutet: schneller Transport und Voranmeldung.

B (Breathing) bewertet Atemfrequenz und vor allem Atemarbeit. Atemfrequenz allein ist nicht ausreichend; entscheidend sind Atemmuster und Kompensationszeichen: Bauchatmung, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, gestreckter Hals, Ellbogenabduktion, orthopnoische Körperhaltung, Unruhe als Luftnotzeichen und Zyanose. Das Kapitel lehrt eine pragmatische Untersuchung, die in Sekunden funktioniert: Blick auf Thoraxexkursion, Auskultation wenn möglich, Beurteilung der Atemtiefe und Geräuschqualität. Zusätzlich wird vermittelt, wie man Sauerstoff als Maßnahme einordnet: O₂ kann die Oxygenierung verbessern, ersetzt aber nicht das Erkennen der Ursache. Präklinisch zählt daher: Positionierung, Low-Stimulus-Care, kurze Wege, Wärmeschutz und eine klare Transportentscheidung bei steigender Atemarbeit.

C (Circulation) umfasst die Schockdiagnostik und Blutungsbeurteilung. Hier trainiert der Kurs eine robuste Minimaldiagnostik: Schleimhautfarbe, CRT, Pulsqualität, Herzfrequenztrend, Temperaturperipherie, sichtbare Blutung und Hinweise auf innere Blutung. Der Lernende soll Muster erkennen, nicht nur Einzelwerte. Blasse Schleimhäute, verlängerte CRT und schwacher Puls bedeuten: Schock bis zum Beweis des Gegenteils. Gleichzeitig wird die Gefahr iatrogener Fehler betont: Bei Schock darf man sich nicht in Nebenbefunden verlieren. C dominiert, wenn Blutung oder Perfusionsversagen wahrscheinlich ist.

D (Disability) ist die neurologische Kurzbeurteilung: Bewusstsein, Orientierung, Reaktion, Pupillen, Schmerz und Krampfaktivität. Der Kurs lehrt hier eine schnelle Einteilung, die im Team verständlich bleibt und ergänzt dies durch praxisnahe Warnzeichen: plötzliches Wegtreten, anhaltendes Pressen ohne Ergebnis, unkoordinierte Bewegungen, Nystagmus, fokale Defizite, ungewöhnliche Aggression oder Apathie. Dabei wird die Verbindung zu reversiblen Ursachen betont: Hypoglykämie, Intoxikation, Hypoxie, Hyperthermie, schwere Schmerzen.

E (Exposure/Environment) bedeutet: den Patienten ausreichend sehen, ohne Hypothermie zu verursachen. Das Kapitel macht klar, dass E im Tiernotruf zwei Ziele hat: versteckte Befunde finden und Umweltfaktoren kontrollieren. In der Praxis heißt das: so viel entkleiden/inspektieren wie nötig, so kurz wie möglich, dann sofort Wärmeschutz.

Ein zentrales Lernziel ist die Verschachtelung von Diagnostik und Therapie. Primary Survey trennt Diagnostik und Behandlung nicht, sondern priorisiert: Wenn bei A/B/C ein unmittelbar lebensbedrohliches Problem sichtbar ist, wird es sofort adressiert. Danach folgt zwingend der erneute Check, weil jede Intervention die Ausgangslage verändert.

Gleichzeitig wird anamneseorientierte Diagnostik als Teil des Primary Survey integriert. Hier geht es nicht um lange Gespräche, sondern um kurze, entscheidungsrelevante Fragen: Zeitlinie, Mechanismus, Vorerkrankungen, aktuelle Medikation, Allergien, Futteraufnahme, Erbrechen/Diarrhoe, Exposition. Diese Fragen verändern die Hypothese und damit die Prioritäten.

Didaktisch steht in diesem Kapitel die Standardisierung und Reproduzierbarkeit im Vordergrund: gleiche Reihenfolge, gleiche Sprache, gleiche Dokumentation. Dadurch kann jedes Teammitglied jederzeit übernehmen, ohne dass Informationen neu erfunden werden müssen. Das Kapitel vermittelt einfache Formulierungen, die in der Übergabe und im Team funktionieren: „A unauffällig, B erhöht, C kritisch“ oder „Problem primär B/C“.

Entscheidend ist außerdem die Trennung von Beobachtung, Interpretation und Maßnahme. Erst Daten erheben, dann interpretieren, dann handeln, dann erneut messen. Diese Disziplin verhindert, dass man sich von einer ersten Vermutung leiten lässt und widersprechende Zeichen übersieht.

Das Kapitel verknüpft Primary Survey daher mit einem pragmatischen Monitoring-Set: Atemfrequenz/Atemarbeit, Herzfrequenztrend, Schleimhautfarbe/CRT, Pulsqualität, Temperatur, Bewusstsein/Schmerz. Wenn verfügbar, kommen ergänzende Messungen hinzu: Blutzucker bei neurologischen Zeichen, Blutdruck und SpO₂ als Trend.

Übergabe ist im System ein Hochrisikomoment. Die häufigsten Schäden entstehen nicht durch fehlende Therapie, sondern durch Informationsverlust. Deshalb wird SBAR/ATMIST als Standard gelehrt und als Mini-Protokoll verankert. Zusätzlich wird Closed-Loop in der Übergabe trainiert.

Ein weiterer Schwerpunkt ist Trendbeobachtung statt Einzelwert. Ein Puls von 160 kann je nach Kontext kompensatorisch sein oder bereits ein Zeichen drohender Dekompensation. Entscheidend ist, ob der Puls steigt, ob CRT sich verlängert, ob Atemarbeit zunimmt, ob die Temperatur fällt oder ob das Bewusstsein nachlässt.

Das Kapitel integriert Fallbeispiele aus verschiedenen Modulen, um zu zeigen: Die klinische Struktur bleibt gleich, nur die Hypothesen ändern sich. Dadurch entsteht aus vielen Themen ein einheitliches Handlungssystem.

Die Simulation in diesem Kapitel ist bewusst kommunikativ. Der Lernende muss nicht nur das Tier versorgen, sondern auch Informationen sauber strukturieren und übergeben – inklusive der Begründung der Arbeitshypothese.

Dokumentation wird in einer Minimalform vermittelt, damit sie in Sekunden möglich bleibt: ID, Zeit, Hauptproblem/Kategorie, Vitalwerte, Maßnahmen, Reaktion/Trend, Übergabe. Das ist ausreichend für Patientensicherheit und Anschlussversorgung, ohne den Einsatz zu blockieren.

Fallbeispiel: Hund nach Sturz: kurze Bewusstlosigkeit, jetzt unruhig, Atmung ok. Fokus: ABCDE, D-Check, Trend starten, Red Flags (Verschlechterung Bewusstsein/Puls/CRT), Transport und Voranmeldung bei Verschlechterung.

2. Monitoring & Vitalparameter: Trend statt Einzelwert

Monitoring
Abbildung 2: Monitoring – Minimalset, Fehlerquellen und Trendbeobachtung.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Monitoring klinisch führen: nur entscheidungsrelevante Werte erheben, Plausibilität prüfen, Trends dokumentieren und Stabilisierung niemals durch Zahlenjagd verzögern

1) Minimal-Monitoring sichern

  • HF + Trend
  • AF + Atemarbeit
  • Schleimhäute / CRT
  • Pulsqualität
  • Temperatur / Bewusstseinslage

2) Technik kritisch prüfen

  • SpO₂ nur als Trend werten
  • Bewegungsartefakte beachten
  • Perfusionsmangel mitdenken
  • Blutdruck-Manschette korrekt wählen
  • Messwert immer mit Klinikbild abgleichen

3) Nach Maßnahmen re-checken

  • nach Lagerung erneut AF prüfen
  • nach Wärmemanagement Perfusion neu bewerten
  • nach Analgesie Vigilanz beobachten
  • Reaktion sofort notieren
  • nächsten Checkpunkt festlegen

4) Übergabefähig dokumentieren

  • Werte mit Uhrzeit
  • Maßnahmen mit Uhrzeit
  • Trend benennen
  • Artefakte nicht als Fakten verkaufen
  • Assessment kurz formulieren
Red Flags: steigende HF, zunehmende Atemarbeit, blasser werdende Schleimhäute, verlängerte CRT, schwächerer Puls, sinkende Temperatur, nachlassendes Bewusstsein, unplausible Messwerte trotz kritischer Klinik.
NICHT Stabilisierung wegen langer Messversuche verzögern, einzelne Werte isoliert überbewerten, unplausible Geräteanzeigen ungeprüft übernehmen oder nach Interventionen auf Re-Evaluation verzichten.

Monitoring und Vitalparameter werden in diesem Kapitel als klinische Sensorik gelehrt: Sie liefern keine Wahrheit in Zahlenform, sondern eine fortlaufende Aussage darüber, ob Perfusion, Oxygenierung, Temperaturhaushalt und neurologischer Status stabil sind. Entscheidend ist deshalb nicht der Einzelwert, sondern das Muster aus Klinik + Messwert + Trend.

Der Kurs definiert ein Minimal-Monitoring, das auch mit wenig Technik zuverlässig funktioniert: Herzfrequenz und Trend, Atemfrequenz und Atemarbeit, Schleimhautfarbe, CRT, Pulsqualität, Temperatur, Bewusstseinslage sowie Schmerz- und Stressverhalten. Ergänzend können – sofern verfügbar und sinnvoll – SpO₂, Blutdruck und Blutzucker genutzt werden.

Ein zentraler Block ist die Fehlerkunde und Plausibilitätsprüfung. SpO₂ kann bei Bewegung, Vasokonstriktion, Pigmentierung, Kälte, schlechter Sensorlage oder geringer Perfusion falsch-niedrig oder instabil sein; Blutdruckmessungen sind bei Stress, falscher Manschettengröße oder unruhigem Patienten unzuverlässig; Temperaturwerte können je nach Messort und Umgebungslage variieren. Daraus folgt die Regel: „Passt der Wert zum Tier?“

Monitoring wird konsequent in einen Zeitverlauf überführt. Der Kurs vermittelt eine einfache, robuste Praxis: Werte mit Uhrzeit notieren, Veränderungen bewerten, Interventionen dokumentieren und Reaktion/Trend erneut messen. So wird aus Zahlen eine Verlaufskurve, die Entscheidungen stützt.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Nutzen des Monitorings als Sicherheitsnetz zur Nebenwirkungs- und Komplikationserkennung. Der Kurs zeigt praxisnah, wie Interventionen Vitalparameter beeinflussen können: sedierende Analgesie kann Atemfrequenz senken und Vigilanz verändern; Stress kann Herzfrequenz und Atemfrequenz erhöhen; Hypothermie kann Bradykardie begünstigen und Perfusion verschlechtern.

Gleichzeitig setzt das Kapitel klare Prioritäten: In kritischen Situationen hat Stabilisierung und Transport Vorrang. Monitoring darf nicht dazu führen, dass Zeit verloren geht oder der Patient unnötig manipuliert wird. Deshalb wird Monitor-Minimalismus gelehrt: nur Messungen, die eine Entscheidung verändern.

Didaktisch steht auch hier die Reproduzierbarkeit im Vordergrund: gleiche Schritte, gleiche Reihenfolge, gleiche Sprache. Der Lernende soll in Sekunden ein stabiles Monitoring-Setup schaffen, ohne das Team zu binden.

Das Kapitel verbindet Monitoring eng mit ABCDE, gezielter Anamnese und sauberer Übergabe, weil die größten Risiken oft an Schnittstellen entstehen. Informationsverlust führt zu Doppelmedikation, übersehenen Allergien, falsch eingeschätztem Schock oder unklarer Zeitlinie.

Die Simulation in diesem Kapitel ist bewusst kommunikativ: Der Lernende muss nicht nur messen, sondern Bedeutung und Trend erklären können. Bewertet wird, ob er Messwerte plausibilisiert, Prioritäten korrekt setzt, Re-Checks geplant durchführt und die Ergebnisse strukturiert übergibt.

Fallbeispiel: Katze mit Erbrechen und Schwäche, kalt, blass. Fokus: klinisches Minimal-Monitoring (Schleimhäute/CRT/Puls/Temp/Bewusstsein), Trend mit Uhrzeit, Schockzeichen erkennen, Messfehler kritisch prüfen, Transportpriorität.

3. Differenzialdiagnostik als Entscheidungswerkzeug

Differenzialdiagnosen
Abbildung 3: Symptomcluster – Hypothesen bilden, Alternativen prüfen, sicher handeln.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Präklinisch in Hypothesen statt Enddiagnosen denken: gefährliche Mechanismen priorisieren, mindestens eine Alternative aktiv prüfen und Maßnahmen immer am ABC-Risiko ausrichten

1) In Symptomclustern denken

  • Kollaps / Schock
  • Dyspnoe
  • Krampf / Neurologie
  • akutes Abdomen
  • Trauma-Mechanismus mitdenken

2) Immer zwei plausible Hypothesen

  • Hauptverdacht formulieren
  • Alternative benennen
  • Red Flags gegenchecken
  • Ankerfehler vermeiden
  • neue Daten aktiv einarbeiten

3) ABC vor Detaildiagnostik

  • Schock = Schonung + Wärme + Transport
  • Dyspnoe = Lagerung + Reizreduktion
  • Krampf = Schutz + Temperatur + Transport
  • Abdomen = Zeitdruck erkennen
  • Trend mitbeurteilen

4) Hypothese übergabefähig formulieren

  • Zeichenbasiert berichten
  • nicht nur „schwach“ sagen
  • Mechanismus nennen
  • Reaktion auf Maßnahmen erwähnen
  • klinische Dringlichkeit mitgeben
Red Flags: Kollaps mit Blässe und schwachem Puls, Dyspnoe mit Zyanose, anhaltender Krampf, zunehmende Vigilanzminderung, geblähter Bauch, Würgen ohne Erbrechen, rapide Verschlechterung trotz Basismaßnahmen.
NICHT sich früh auf eine einzige Diagnose festlegen, seltene „Zebras“ bevorzugen, nur bestätigende Befunde suchen oder wegen Diagnosediskussion den Transport verzögern.

Differenzialdiagnostik wird im Tierrettungsdienst nicht als akademische Liste möglicher Diagnosen vermittelt, sondern als handlungsorientiertes Entscheidungswerkzeug. Welche Arbeitshypothese erklärt die aktuellen Zeichen am besten, welche Alternativen sind plausibel – und welche präklinischen Maßnahmen sind sicher, wirksam und zeitkritisch?

Der Kurs arbeitet deshalb konsequent mit Symptomclustern statt mit Einzelbefunden. Ziel ist nicht, präklinisch die Diagnose zu beweisen, sondern lebensbedrohliche Mechanismen zu erkennen, Prioritäten zu setzen und der Klinik eine begründete Richtung zu übergeben.

Der erste Cluster ist Kollaps/Schock. Hier werden als Hauptachsen gelehrt: hypovolämischer Schock durch äußere Blutung, innere Blutung, distributiver Schock, kardiogener Schock sowie anaphylaktische Reaktion. Statt „Schock ist Schock“ lernt der Teilnehmer Mechanismen zu unterscheiden, weil sich Präklinik-Prioritäten ändern.

Der zweite Cluster ist Dyspnoe. Hier wird Differenzialdiagnostik als schnelle Unterscheidung von oben vs. unten vs. Pleura gelehrt: obere Atemwegsobstruktion, Asthma/Bronchospasmus, Pleuraerguss/Pneumothorax, Lungenödem, Rauchinhalation.

Der dritte Cluster ist Krampf/Neurologie. Hier wird eine pragmatische Achse vermittelt: metabolisch, toxisch, idiopathisch/epileptisch, traumatisch sowie temperaturassoziiert. Der Lernende trainiert, dass die gleiche Krampfoptik völlig unterschiedliche Sofortkonsequenzen haben kann.

Der vierte Cluster ist das akute Abdomen. Hier werden als Hauptmuster gelehrt: Magendrehung, Ileus, Peritonitis sowie Harnabflussstörung. Der Kurs betont, dass Bauchschmerz präklinisch häufig nicht sauber differenziert werden kann – entscheidend ist die Erkennung des Zeitdrucks.

Ein didaktischer Kern dieses Kapitels ist das Denken in Wahrscheinlichkeiten. Der Lernende übt, „am wahrscheinlichsten“ statt „sicher“ zu sagen und kognitive Verzerrungen aktiv zu verhindern. Dafür werden typische Fehler als feste Lernpunkte eingebaut: Ankerfehler, Bestätigungsfehler und Zebra-Bias.

Differenzialdiagnostik wird außerdem als Schnittstellenkompetenz definiert: Die Klinik profitiert nicht von einer Symptombeschreibung allein, sondern von einer begründeten Arbeitshypothese mit den dazugehörigen Zeichen. Deshalb wird trainiert, Hypothesen zeichenbasiert zu formulieren.

Methodisch bleibt die Diagnostik bewusst reproduzierbar: gleiche Schritte, gleiche Reihenfolge, gleiche Sprache. Grundlage ist ABCDE mit Vitalparametern und gezielter Anamnese. Entscheidend ist die Trennung von Beobachtung und Maßnahme.

Die Simulation in diesem Kapitel ist bewusst kommunikativ: Der Lernende muss nicht nur versorgen, sondern die Daten so strukturieren, dass die Arbeitshypothese nachvollziehbar wird. Bewertet werden Prioritätensetzung, Hypothesenbreite, Plausibilitätsprüfung der Messwerte, sichere Maßnahmen sowie eine saubere Übergabe mit Begründung.

Fallbeispiel: Hund kollabiert nach Spaziergang. Fokus: Cluster „Schock/Kollaps“ (innere Blutung vs. Anaphylaxie vs. kardial), Red Flags erfassen, zwei Alternativen aktiv prüfen, sichere Maßnahmen, begründete Voranmeldung und strukturierte Übergabe.

4. Dokumentation & Übergabe: SBAR / ATMIST

Dokumentation SBAR
Abbildung 4: SBAR/ATMIST – kurz, vollständig, mit Zahlen und Trend.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Übergaben standardisieren: relevante Daten kurz, zeitbezogen und trendorientiert übermitteln, damit Anschlussversorgung ohne Informationsverlust starten kann

1) SBAR/ATMIST konsequent nutzen

  • Situation klar benennen
  • Background nur relevant
  • Assessment mit Zahlen + Trend
  • Recommendation konkret formulieren
  • bei Trauma ATMIST erwägen

2) Minimaldokumentation sichern

  • Patienten-ID
  • Uhrzeit
  • Hauptproblem / Kategorie
  • Vitalwerte
  • Maßnahmen + Reaktion

3) Übergabe kurz und belastbar halten

  • 30–60 Sekunden anstreben
  • keine Nebengeschichten
  • keine Adjektive ohne Zahlen
  • Zeitlinie nennen
  • Arbeitshypothese begründen

4) Closed-Loop absichern

  • Kernpunkte wiederholen lassen
  • Missverständnisse sofort korrigieren
  • Doppelgaben verhindern
  • Allergien/Medikamente nicht verlieren
  • eine Quelle der Wahrheit führen
Red Flags: keine Zeitangaben, fehlende Maßnahmen-Doku, unklare Patienten-ID, Übergabe nur als Erzählung, unbenannte Trendverschlechterung, keine Rückmeldung des Empfängers.
NICHT lange Geschichten erzählen, Zahlen weglassen, Maßnahmen ohne Uhrzeit dokumentieren, mehrere parallele Notizzettel führen oder eine Übergabe ohne Rückbestätigung beenden.

Dokumentation und Übergabestruktur bilden die zweite Hälfte der präklinischen Diagnostik. Beobachtungen, die nicht nachvollziehbar dokumentiert und strukturiert übergeben werden, sind faktisch verloren – selbst wenn sie korrekt erhoben wurden.

Als Standard wird SBAR eingeführt – Situation, Background, Assessment, Recommendation. Dieses Modell hat sich besonders in Hochrisikosituationen bewährt, weil es Informationen in eine klare Reihenfolge zwingt.

Der dritte Abschnitt, Assessment, enthält die objektiven Befunde. Dazu gehören Vitalparameter, ABCDE-Ergebnisse, Trends sowie eine begründete Arbeitshypothese. Zahlen allein reichen nicht aus. Entscheidend ist die Verbindung zwischen Befund und Interpretation.

Der vierte Abschnitt, Recommendation, formuliert die erwarteten nächsten Schritte. Hier wird klar ausgesprochen, was der Patient wahrscheinlich benötigt: Operationsbereitschaft, Blutprodukte, Isolation, intensivmedizinisches Monitoring oder spezielle diagnostische Verfahren.

Als Ergänzung zu SBAR wird ATMIST eingeführt: Age, Time, Mechanism, Injuries beziehungsweise Illness, Signs, Treatment. Dieses Modell wird besonders bei traumatischen Ereignissen oder bei mehreren Patienten eingesetzt.

Ein Schwerpunkt des Kapitels liegt auf der Länge und Präzision der Übergabe. Eine effektive Übergabe dauert in der Regel nur 30 bis 60 Sekunden. Sie enthält alle entscheidenden Informationen, verzichtet aber bewusst auf überflüssige Details.

Besondere Aufmerksamkeit erhält das Prinzip Zahlen und Trends. Ein isolierter Messwert kann leicht missverstanden werden. Erst der Verlauf zeigt, ob sich ein Patient stabilisiert oder verschlechtert. Deshalb wird vermittelt, Vitalparameter immer mit Zeitangaben zu dokumentieren.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist das Konzept eine Quelle der Wahrheit. In komplexen Einsätzen entstehen schnell mehrere Notizen, unterschiedliche Zeitangaben oder widersprüchliche Informationen. Um dies zu vermeiden, wird ein zentrales Protokoll geführt.

Bei Einsätzen mit mehreren Tieren wird eine besonders einfache Zuordnung trainiert. Jeder Patient erhält eine klare Kennung, die in allen Dokumenten identisch bleibt. Diese Kennung wird mit Halterdaten, Hauptproblem und Kategorie verknüpft.

Dokumentation wird außerdem als rechtlicher Schutz erklärt. Präklinische Einsätze beinhalten häufig schwierige Entscheidungen: aggressive Tiere, abgebrochene Maßnahmen aus Eigenschutz, verzögerte Versorgung durch Umweltgefahren oder fehlende Einwilligung.

Das Kapitel vermeidet bewusst bürokratische Überlastung. Statt umfangreicher Formulare werden Minimalfelder definiert, die in Sekunden ausgefüllt werden können: Patienten-ID, Zeit, Hauptproblem oder Kategorie, relevante Vitalwerte, Maßnahmen, beobachtete Reaktion und Übergabeziel.

Ein didaktischer Schwerpunkt ist die Verbindung von Dokumentation, Diagnostik und Kommunikation. Die erhobenen Daten müssen nicht nur korrekt sein, sondern auch verständlich übermittelt werden. Deshalb trainiert der Kurs die Fähigkeit, sauber zu sprechen: klar, strukturiert, ohne Abschweifungen.

Die Ausbildung integriert außerdem typische Fehlerquellen. Informationsverlust kann entstehen, wenn Vitalwerte nicht mit Zeitangaben dokumentiert werden, wenn Maßnahmen nicht protokolliert sind oder wenn Übergaben ohne Rückmeldung erfolgen. Deshalb wird Closed-Loop-Kommunikation als Standard gelehrt.

Auch die Kommunikation mit Halterinnen und Haltern wird berücksichtigt. Während der Einsatz läuft, müssen Informationen gesammelt werden – etwa Vorerkrankungen, Medikamente oder der genaue Ablauf des Ereignisses. Der Kurs vermittelt deshalb eine klare Gesprächsstrategie: kurze, gezielte Fragen ohne Suggestion, ruhige Sprache und systematische Datenerhebung.

Die Simulation dieses Kapitels ist bewusst kommunikativ aufgebaut. Der Lernende muss nicht nur ein Tier versorgen, sondern auch alle relevanten Informationen strukturieren und in einer klaren Übergabe darstellen. Ziel ist eine Routine, die auch unter Stress funktioniert.

Fallbeispiel: Mehrere Tiere nach Rauchinhalation. Fokus: SBAR/ATMIST pro Tier in 30–60 Sekunden, klare ID und Kategorie, Vitalparametertrend und strukturierte Voranmeldung der Klinik.

5. Praxisintegration: ein Einsatzsystem für alle Kapitel

Übergabe und Simulation
Abbildung 5: Algorithmus – Daten erheben, interpretieren, handeln, re-evaluieren, übergeben.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Alle Inhalte in einen festen Einsatzalgorithmus überführen: erst strukturieren, dann messen, Hypothese begründen, Wirkung prüfen und standardisiert übergeben

1) Fester Ablauf im Kopf

  • Primary Survey
  • Monitoring starten
  • Arbeitshypothese bilden
  • Maßnahmen setzen
  • SBAR/ATMIST übergeben

2) Trend schlägt ersten Eindruck

  • Werte mit Zeit notieren
  • Verschlechterung aktiv suchen
  • Hypothese anpassen dürfen
  • Re-Evaluation fest einplanen
  • nicht auf „sah erst gut aus“ vertrauen

3) Team übernehmbar machen

  • gleiche Reihenfolge
  • gleiche Sprache
  • klare Zuständigkeiten
  • Closed-Loop-Kommunikation
  • Dokumentation sofort sichtbar

4) Schnittstellen sauber halten

  • Maßnahmen mit Uhrzeit
  • Allergien/Medikamente benennen
  • Trend statt Einzelfakt liefern
  • klinische Dringlichkeit aussprechen
  • Empfang bestätigen lassen
Red Flags: zunehmende Schockzeichen, wachsende Atemarbeit, nicht mehr passende Ersthypothese, unklare Dokumentation, fehlende Zeitlinie, Übergaben ohne Assessment oder Recommendation.
NICHT jeden Fall neu „erfinden“, bei der Ersthypothese verharren, Maßnahmen ohne Wirkungskontrolle fortführen oder Übergaben als formloses Gespräch abhandeln.

Die Praxisintegration verbindet alle zuvor vermittelten Elemente zu einem konsistenten Einsatzablauf. In der präklinischen Tiernotfallrettung entsteht Sicherheit nicht durch isoliertes Wissen, sondern durch eine reproduzierbare Struktur. Genau diese Struktur wird in diesem Kapitel als verbindlicher Algorithmus trainiert.

Der erste Schritt ist das Primary Survey nach dem ABCDE-Schema. Dieser Erstcheck dient dazu, lebensbedrohliche Probleme innerhalb weniger Sekunden zu erkennen. Wird während des Primary Survey ein kritisches Problem erkannt, erfolgt sofort eine Intervention. Danach wird das ABC-Schema erneut durchlaufen.

Im zweiten Schritt werden Vitalparameter erhoben und dokumentiert. Hier beginnt das Monitoring. Herzfrequenz, Atemfrequenz, Schleimhautfarbe, CRT, Pulsqualität, Temperatur sowie Bewusstseinslage bilden das Minimal-Monitoring.

Der dritte Schritt besteht in der Formulierung einer Arbeitshypothese. Der Lernende soll nicht versuchen, eine endgültige Diagnose zu stellen, sondern eine plausible Erklärung für die beobachteten Zeichen formulieren. Gleichzeitig wird mindestens eine alternative Hypothese geprüft.

Im vierten Schritt werden Maßnahmen durchgeführt und deren Wirkung überprüft. Dabei gilt eine einfache Regel: Jede Intervention muss beobachtet und dokumentiert werden. Dieses Prinzip verhindert, dass Maßnahmen blind durchgeführt werden, ohne ihre Wirkung zu beurteilen.

Der fünfte Schritt ist die strukturierte Übergabe. Hier werden die gesammelten Informationen mithilfe von SBAR oder ATMIST übermittelt. Wichtig ist, dass die Übergabe kurz und präzise bleibt.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Schnittstellen zwischen den einzelnen Schritten. Gerade hier entstehen in realen Einsätzen häufig Fehler. Medikamente oder Flüssigkeiten, die bereits gegeben wurden, müssen eindeutig benannt werden, damit es nicht zu Doppelgaben kommt.

Der Kurs verankert diese Prinzipien mithilfe einer realitätsnahen Simulation. In diesem Szenario wird ein Hund nach einem Verkehrsunfall vorgestellt. Zu Beginn wirkt das Tier lediglich unruhig, zeigt jedoch noch keine eindeutigen Schockzeichen. Während der Simulation verschlechtert sich der Zustand schrittweise.

Die Simulation ist bewusst realistisch unordentlich gestaltet. Halter sprechen dazwischen, das Tier bewegt sich, Messwerte sind nicht immer eindeutig und Zeitdruck entsteht. Der Lernende soll lernen, die Struktur trotz dieser Störungen beizubehalten.

Ein zentrales Lernziel dieses Kapitels ist daher die Reproduzierbarkeit. Wenn jedes Teammitglied dieselbe Struktur nutzt, können Aufgaben leichter übergeben werden. Ein Kollege kann jederzeit übernehmen, weil er weiß, an welcher Stelle im Algorithmus sich der Einsatz gerade befindet.

Die Ausbildung betont außerdem die Bedeutung der Trendbeobachtung. Viele Notfälle entwickeln sich nicht abrupt, sondern schrittweise. Eine zunehmende Atemarbeit, eine verlängerte CRT oder eine steigende Herzfrequenz sind oft frühe Warnzeichen.

Auch die Kommunikation mit Halterinnen und Haltern bleibt Teil des Systems. Während der medizinischen Versorgung müssen oft wichtige Informationen erhoben werden: Vorerkrankungen, Medikamente, Zeitpunkt des Ereignisses oder mögliche Giftkontakte. Diese Anamnese wird gezielt und strukturiert erhoben.

Die Dokumentation bleibt bewusst minimalistisch. Eine vollständige Einsatzdokumentation muss nicht lang sein. Entscheidend sind wenige, aber präzise Informationen: Patienten-ID, Zeit, Hauptproblem oder Kategorie, relevante Vitalparameter, durchgeführte Maßnahmen, beobachtete Reaktion und das Ziel der Übergabe.

Die Simulation in diesem Kapitel legt daher einen besonderen Schwerpunkt auf Kommunikation. Der Lernende muss nicht nur medizinische Maßnahmen durchführen, sondern auch erklären können, warum eine bestimmte Arbeitshypothese gewählt wurde und wie sich der Zustand im Verlauf verändert hat.

Am Ende wird deutlich, dass dieses Kapitel eine übergeordnete Funktion erfüllt. Es verbindet die einzelnen Inhalte der Ausbildung zu einem gemeinsamen Handlungssystem. Primary Survey, Monitoring, Differenzialdiagnostik, Dokumentation und Übergabe werden nicht mehr als einzelne Themen betrachtet, sondern als aufeinander aufbauende Schritte eines stabilen Einsatzablaufs.

Fallbeispiel: Verkehrsunfall mit Hund. Anfangs nur Unruhe, später zunehmende Schockzeichen. Fokus: Vitalparametertrend erkennen, Arbeitshypothese anpassen (innere Blutung vs. Schmerz), Wärmemanagement, Transportpriorität und strukturierte Übergabe.

Selbsttest (10 von 20 Fragen)

Single-Choice: pro Frage eine richtige Antwort. Bestehensgrenze: 70%. (10 aus 20 – Reihenfolge von Fragen & Antworten wechselt.)

Fallsimulation (funktional)

Ziel: Struktur halten, Trend erkennen, Hypothese anpassen, SBAR-Übergabe liefern.

© Tier-Notruf Ausbildungsplattform · Kapitel 22 Diagnostik, Monitoring & Übergabe
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