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Kapitel 12 – Internistische Notfälle (präklinisch) | Ausbildungsplattform

Kapitel 12 – Internistische Notfälle (präklinisch)

Ausbildungsplattform (Tier-Notruf)

1. Akutes Abdomen (Schmerz, Schock, Red Flags)

Akutes Abdomen
Abbildung 1: Akutes Abdomen – Schmerz-/Perfusionszeichen und Notfalltriage.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Akutes Abdomen ist ein Risikomuster – Schock, Schmerz und Red Flags zuerst bewerten

1) Sofort priorisieren

  • ABCDE anwenden, bevor an Einzeldiagnosen gedacht wird.
  • Perfusion, Atemarbeit und Bewusstsein zuerst prüfen.
  • Schmerz + Kreislaufbelastung = zeitkritisch.

2) Typische Red Flags

  • Erfolgloses Würgen oder starkes Speicheln
  • zunehmender Bauchumfang oder Tympanie
  • blasse/graue Schleimhäute, schwacher Puls
  • Kollapsnähe, starke Unruhe, Positionswechsel

3) Untersuchung im Feld

  • Abdomen nur vorsichtig und kurz prüfen.
  • Keine schmerzhafte „Suchpalpation“.
  • Trend wichtiger als Einzelbefund.

4) Präklinische Hauptziele

  • Stress reduzieren, Wärmemanagement, O₂ bei Bedarf.
  • Keine Fütterung oder unnötige Verzögerung.
  • Klinik frühzeitig voranmelden.
Red-Flag-Korridor: Starker Schmerz plus Perfusionsstörung bedeutet: nicht abwarten, sondern priorisiert transportieren.
NICHT lange im Feld „diagnostizieren“, kein wiederholtes tiefes Drücken, keine Hausmittel, keine Zeit durch unnötige Maßnahmen verlieren.

Kapitel 12 widmet sich internistischen Notfällen im präklinischen Einsatz. Unter internistischen Notfällen werden akute Störungen der inneren Organsysteme verstanden, die ohne sichtbares Trauma entstehen können, aber dennoch rasch lebensbedrohlich werden. Dazu gehören Erkrankungen der Bauchorgane, des Harntrakts, des Stoffwechsels und des Kreislaufs. Im Gegensatz zu traumatischen Verletzungen sind diese Notfälle häufig schwerer zu erkennen, weil äußerlich zunächst wenig sichtbar ist. Gerade deshalb erfordert die präklinische Einschätzung ein strukturiertes Vorgehen, das sich auf klinische Zeichen, Vitalparameter und Verlauf konzentriert.

Der Einstieg in das Kapitel erfolgt über das Konzept des „akuten Abdomens“. Dieser Begriff beschreibt keinen einzelnen Krankheitsprozess, sondern einen Symptomkomplex, der auf eine potenziell lebensbedrohliche Bauchproblematik hinweist. Zu den möglichen Ursachen gehören unter anderem Peritonitis, Magendrehung (GDV), innere Blutungen, Darmobstruktionen oder Organrupturen. Präklinisch besteht die Aufgabe nicht darin, die exakte Diagnose zu stellen, sondern das Risiko einer solchen Bauchkatastrophe frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu handeln.

Im Einsatz müssen drei zentrale Fragen beantwortet werden. Erstens: Liegt ein Hinweis auf eine zeitkritische Bauchkatastrophe vor? Zweitens: Gibt es Zeichen einer Kreislaufdekompensation oder einer Ateminsuffizienz? Drittens: Welche Informationen benötigt die aufnehmende Klinik sofort, um Therapie oder operative Maßnahmen vorzubereiten? Diese Fragen strukturieren das gesamte präklinische Vorgehen und helfen, Prioritäten richtig zu setzen.

Das akute Abdomen zeigt sich häufig durch typische klinische Muster. Tiere wirken plötzlich unruhig, hecheln stark, zeigen Schmerzäußerungen oder nehmen eine gekrümmte, schutzhafte Körperhaltung ein. Der Bauch kann aufgezogen erscheinen, die Tiere speicheln vermehrt oder versuchen wiederholt zu erbrechen, ohne Erfolg. Besonders charakteristisch ist eine Kombination aus Schmerzzeichen und zunehmender Kreislaufbelastung. Im Verlauf können Schleimhäute blass oder grau erscheinen, die kapilläre Rückfüllzeit verlängert sich und der Puls wird schwach.

In der Ausbildung wird deshalb ein sogenannter „Schmerz-Perfusions-Korridor“ vermittelt. Dieser beschreibt die Situation, in der starke Schmerzen gleichzeitig mit Zeichen einer gestörten Perfusion auftreten. In diesem Fall wird das Geschehen als zeitkritischer Notfall bewertet, der einen sofortigen Transport ohne Verzögerung erfordert. Ein abwartendes Beobachten ist in dieser Konstellation kontraindiziert, da sich der Zustand des Patienten rasch verschlechtern kann.

Die körperliche Untersuchung erfolgt bewusst zurückhaltend. Eine zu intensive Palpation kann bei stark schmerzhaften Patienten zusätzlichen Stress auslösen und den Kreislauf weiter destabilisieren. Deshalb wird das Abdomen nur vorsichtig untersucht und nur soweit, wie es ohne erhebliche Belastung möglich ist. Der Fokus liegt nicht darauf, die genaue Ursache zu ertasten, sondern Warnzeichen zu erkennen.

Zu diesen Warnzeichen gehören mehrere sogenannte „Red Flags“. Dazu zählen ein rasch zunehmender Bauchumfang, ein trommelnder Tympanieschall bei vorsichtiger Perkussion, kollapsnahes Verhalten, Blut im Erbrochenen oder im Kot sowie ein Patient, der keine ruhige Position findet. Tiere, die ständig zwischen Stehen, Sitzen und Liegen wechseln und offensichtlich keinen schmerzfreien Zustand erreichen, sind besonders verdächtig für ein akutes abdominales Geschehen.

Die präklinische Therapie bleibt in erster Linie unterstützend. Wärmemanagement, Stressreduktion und bei Bedarf Sauerstoffgabe gehören zu den wichtigsten Maßnahmen. Je nach regionalem Protokoll kann auch eine Analgesie oder Antiemese erfolgen, sofern diese tierärztlich freigegeben ist. Gleichzeitig wird der Transport organisiert: Eine frühzeitige Klinikvoranmeldung ermöglicht es, dass Notfallteam, Diagnostik und gegebenenfalls Operationssaal vorbereitet werden können.

Ein klassisches Fallbeispiel beschreibt einen mittelalten Hund, der plötzlich unruhig wird, stark hechelt und eine bauchaufgezogene Haltung einnimmt. Gleichzeitig treten wiederholte Würgebewegungen auf, ohne dass Erbrochenes produziert wird. Die Schleimhäute erscheinen blass. Dieses Muster ist typisch für ein mögliches akutes Abdomen mit Schockrisiko, beispielsweise im Rahmen einer Magendrehung. Das Lernziel besteht darin, diese Konstellation sofort als kritischen Notfall zu erkennen und den Transport zu priorisieren.

Grundsätzlich gilt im präklinischen Umfeld: nicht „Diagnose spielen“, sondern Risiken priorisieren. Bei internistischen Notfällen bestimmen vor allem vier Faktoren den Ausgang: Perfusion, Schmerz, Atemarbeit und Bewusstseinslage. Jede Maßnahme wird daran gemessen, ob sie diese Parameter stabilisiert oder die Zeit bis zur definitiven Behandlung verkürzt.

Eine strukturierte Anamnese kann dabei enorme Informationen liefern. Besonders hilfreich ist ein kurzes Minutenprotokoll: Wann haben die Symptome begonnen? War der Beginn plötzlich oder schleichend? Gab es Erbrechen oder Durchfall? Hat das Tier gefressen oder getrunken? Wie ist der Urinabsatz? Wurden Medikamente verabreicht, insbesondere nichtsteroidale Antirheumatika? Besteht möglicher Zugang zu Giftstoffen? Gibt es bekannte Vorerkrankungen wie Herz- oder Nierenprobleme?

Das bekannte ABCDE-Schema wird im Kontext internistischer Bauchprobleme um ein „Bauch-Add-on“ ergänzt. Zunächst werden Atemweg, Atmung und Kreislauf stabilisiert. Danach erfolgt die neurologische Beurteilung mit Fokus auf Bewusstsein und Schmerz. Anschließend wird das Abdomen bewertet: Umfang, Tympanie, Abwehrspannung, Schleimhautfarbe, kapilläre Rückfüllzeit und Temperatur. Ein entscheidender Bestandteil dieses Vorgehens ist die wiederholte Re-Evaluation, weil sich der Zustand internistischer Notfallpatienten schnell verändern kann.

Besonders zeitkritisch ist die Magendrehung des Hundes (Gastric Dilatation-Volvulus, GDV). Bei dieser Erkrankung drehen sich Magen und Milz um ihre Achse, wodurch Blutgefäße komprimiert werden und rasch ein schwerer Schock entstehen kann. Jede Minute zählt. Präklinisch besteht das Ziel darin, Stress zu minimieren, unnötige Bewegung zu vermeiden, Sauerstoff bei Atemproblemen zu geben und die Klinik sofort über den Verdacht zu informieren.

Ein weiterer wichtiger internistischer Notfall ist der Harnverhalt beim Kater. Hier liegt häufig eine Harnröhrenobstruktion vor, die zu einer postrenalen Azotämie führen kann. Durch die eingeschränkte Ausscheidung steigt der Kaliumspiegel im Blut an, was schwere Herzrhythmusstörungen auslösen kann. Präklinisch ist daher entscheidend, den Zustand schnell zu erkennen, Schockzeichen zu beurteilen und den Patienten ohne Verzögerung in eine geeignete Klinik zu transportieren.

Auch akutes Nierenversagen kann internistische Notfälle verursachen. Dieses kann prärenal durch Dehydratation oder Schock entstehen, renal durch toxische oder infektiöse Prozesse oder postrenal durch eine Harnabflussstörung. Im präklinischen Kontext wird jedoch nicht laborwertorientiert gearbeitet, sondern perfusionsorientiert. Entscheidend sind Kreislaufzustand, Flüssigkeitsstatus, Urinproduktion und mögliche Hinweise auf toxische Exposition.

Differenzialdiagnostik im Feld bedeutet vor allem, gefährliche Ursachen zuerst zu erkennen. Zu den wichtigsten gehören Peritonitis, Magendrehung, innere Blutungen, Sepsis oder Obstruktionen. Wenn der klinische Eindruck auf eine solche Bauchkatastrophe hinweist, wird der Patient grundsätzlich als zeitkritischer Transportfall behandelt.

Die Übergabe an die Klinik ist ein integraler Bestandteil der Therapie. Strukturierte Übergabeschemata wie ISBAR oder ATMIST helfen, Informationen vollständig und klar zu übermitteln. Sie umfassen Situation, Hintergrund, Assessment mit ABCDE und abdominalen Befunden, bereits durchgeführte Maßnahmen sowie Empfehlungen oder offene Fragen.

Auch zusätzliche Informationen können hilfreich sein. Fotos von Erbrochenem, Kot oder Medikamentenverpackungen sowie eine genaue Zeitachse der Ereignisse erhöhen die diagnostische Genauigkeit. Gleichzeitig wird auf der Ausbildungsplattform intensiv die Kommunikation mit Tierhaltern trainiert. Klare, kurze Aussagen, eine rationale Begründung für die Transportpriorität und eine ruhige Deeskalation sind entscheidend, da sich Stress des Halters unmittelbar auf den Zustand des Patienten übertragen kann.

Zusammenfassend lautet die präklinische Leitlinie bei internistischen Notfällen: Risiken erkennen, Stabilität sichern und Zeitverlust vermeiden. Perfusion, Schmerz, Atemarbeit und Bewusstsein bleiben die wichtigsten Parameter. Jede Maßnahme sollte darauf ausgerichtet sein, diese Faktoren zu stabilisieren oder den Weg zur definitiven Behandlung in der Klinik zu verkürzen.

Fallbeispiel (Akutes Abdomen): Hund mit plötzlicher Unruhe, bauchaufgezogener Haltung, erfolglosem Würgen und blassen Schleimhäuten. Fokus: Schockrisiko erkennen, Verdacht auf GDV oder andere Bauchkatastrophe, sofortige Klinikvoranmeldung und priorisierter Transport.

2. Magendrehung (Gastric Dilatation-Volvulus)

Magendrehung (GDV)
Abbildung 2: GDV – Mustererkennung (Würgen ohne Erbrechen) und obstruktiver Schock.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

GDV immer als Minuten-Notfall denken: Würgen ohne Erbrechen + Kreislaufzeichen = sofort handeln

1) Typisches Muster

  • erfolgloses Würgen / Erbrechen
  • starke Unruhe, Hecheln, Speicheln
  • gespannter Bauch, evtl. Tympanie
  • blasse Schleimhäute, schwacher Puls

2) Warum so kritisch?

  • venöser Rückstrom wird komprimiert
  • obstruktiver Schock entsteht
  • Arrhythmien können folgen
  • jeder Zeitverlust verschlechtert die Prognose

3) Präklinisch sinnvoll

  • Sofortige Klinikvoranmeldung
  • Stress und Bewegung minimieren
  • O₂ bei Dyspnoe
  • Vitaltrend eng dokumentieren

4) In der Übergabe nennen

  • Zeitachse des Symptombeginns
  • Würgen ohne Inhalt
  • Bauchumfang/Tympanie
  • CRT, Pulsqualität, Bewusstseinsverlauf
Red Flags: tiefe Brust, plötzliches Würgen ohne Erbrechen, zunehmender Bauch, Tachykardie, blasse Schleimhäute, Kollapsnähe.
NICHT abwarten, kein Herumlaufen „zum Entgasen“, keine langen Detailuntersuchungen, keine Maßnahmen, die den Transport verzögern.

Die Magendrehung (Gastric Dilatation-Volvulus, GDV) gehört zu den klassischen internistischen Zeitnotfällen in der Tiermedizin. Sie ist ein prototypisches Beispiel dafür, wie ein zunächst scheinbar unspezifisches Symptom innerhalb kurzer Zeit in eine lebensbedrohliche Kreislaufkatastrophe übergehen kann. Im präklinischen Einsatz fällt GDV häufig durch das Symptom auf: „Der Hund würgt, aber es kommt nichts.“ Dieses klinische Muster ist eines der wichtigsten Frühwarnzeichen und sollte immer als potenzieller Notfall interpretiert werden.

Pathophysiologisch beginnt der Prozess meist mit einer raschen Gas- und Flüssigkeitsansammlung im Magen. Der Magen dilatiert und füllt sich zunehmend mit Luft, Flüssigkeit und Futterbestandteilen. In einem zweiten Schritt kann sich der Magen um seine Längsachse drehen. Diese Rotation blockiert sowohl den Mageneingang als auch den Magenausgang. Gleichzeitig werden Blutgefäße im Bauchraum komprimiert, insbesondere die großen venösen Rückstrombahnen zum Herzen.

Die Folge ist ein obstruktiver Schock. Das Herz erhält deutlich weniger venösen Rückstrom, wodurch das Herzzeitvolumen sinkt. Der Körper versucht zunächst zu kompensieren: Herzfrequenz und Atemfrequenz steigen, der Hund wirkt unruhig und beginnt stark zu hecheln. Diese kompensatorische Phase ist jedoch oft kurz. Wenn die Kompression anhält, bricht der Kreislauf rasch zusammen, und der Patient kann innerhalb kurzer Zeit kollabieren.

Klinisch zeigen viele GDV-Patienten eine Kombination charakteristischer Symptome. Dazu gehören zunehmender Bauchumfang, gespannter Bauch mit Tympanie, ausgeprägte Unruhe, Speichelfluss, wiederholtes erfolgloses Würgen oder Erbrechen sowie deutliche Schmerzreaktionen. Mit fortschreitender Kreislaufbelastung treten schwacher Puls, blasse oder graue Schleimhäute und eine verlängerte kapilläre Rückfüllzeit auf. Auch Tachykardie und zunehmende Schwäche sind typische Befunde.

In der Ausbildung wird jedoch betont, dass GDV nicht immer mit einem massiv aufgeblähten Bauch beginnt. Besonders bei tiefbrüstigen Hunderassen kann die Dilatation in frühen Stadien relativ subtil sein. Deshalb ist das klinische Muster entscheidend: Würgen ohne Erbrechen, zunehmende Unruhe und Zeichen einer Kreislaufbelastung müssen immer als potenzieller GDV-Verdacht interpretiert werden.

Präklinisch ist die wichtigste Entscheidung die sofortige Klinikvoranmeldung. Sobald ein GDV wahrscheinlich erscheint, sollte die aufnehmende Klinik informiert werden, damit das Notfallteam und ein möglicher Operationssaal vorbereitet werden können. In vielen Fällen entscheidet diese frühzeitige Kommunikation über den zeitlichen Verlauf der Behandlung und damit über die Prognose des Patienten.

Währenddessen wird der Patient möglichst wenig bewegt. Hektisches Laufen, Springen oder unnötige Manipulationen können die Kreislaufsituation verschlechtern. Der Hund wird ruhig gelagert und stressarm transportiert. Bei Atemproblemen wird frühzeitig Sauerstoff gegeben. Sauerstoff verbessert die Gewebeversorgung und kann helfen, die Zeit bis zur chirurgischen Versorgung zu überbrücken.

Eine Analgesie kann nach tierärztlichem Protokoll sinnvoll sein, da Schmerzen den Stresslevel erhöhen und den Kreislauf zusätzlich belasten. Gleichzeitig gilt jedoch, dass keine Maßnahme die Transportzeit unnötig verlängern darf. Das primäre Ziel bleibt, den Patienten möglichst schnell in eine Klinik mit chirurgischer Versorgung zu bringen.

Eine präklinische Magenentlastung wird in vielen Rettungssystemen nicht durch nicht-tierärztliches Personal durchgeführt. Die Ausbildungsplattform erklärt dennoch die grundlegenden Prinzipien: Eine Entlastung kann den intragastrischen Druck reduzieren und die Perfusion verbessern, ist jedoch technisch anspruchsvoll und mit Risiken verbunden. Deshalb liegt der Fokus im präklinischen Umfeld vor allem auf Stabilisierung und Zeitgewinn.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Herzrhythmusstörungen. GDV-Patienten entwickeln nicht selten ventrikuläre Arrhythmien infolge von Ischämie und Elektrolytverschiebungen. Daher werden Pulsqualität, Bewusstseinszustand und Perfusion kontinuierlich überwacht. Jede Verschlechterung muss sofort erkannt und der Klinik mitgeteilt werden.

Ein typisches Fallbeispiel beschreibt einen großen Hund kurz nach der Fütterung. Das Tier beginnt plötzlich zu würgen, ohne dass Erbrochenes produziert wird. Der Bauchumfang nimmt sichtbar zu, die Schleimhäute wirken blass und die kapilläre Rückfüllzeit beträgt etwa drei Sekunden. Der Puls ist schwach. In dieser Situation besteht ein hoher Verdacht auf eine Magendrehung. Das Lernziel besteht darin, den GDV-Verdacht klar zu äußern, die Klinik voranzumelden und den Transport ohne Verzögerung einzuleiten.

Grundsätzlich gilt auch hier die Leitlinie des präklinischen Notfallmanagements: nicht die exakte Diagnose stellen wollen, sondern Risiken priorisieren. Bei internistischen Notfällen sind Perfusion, Schmerz, Atemarbeit und Bewusstseinszustand die entscheidenden Faktoren für das Outcome. Jede Maßnahme wird daran gemessen, ob sie diese Parameter stabilisiert oder die Zeit bis zur klinischen Versorgung verkürzt.

Eine kurze, strukturierte Anamnese liefert dabei wertvolle Informationen. Wichtig sind der Zeitpunkt des Symptombeginns, mögliche Futteraufnahme, Erbrechen oder Durchfall, Urinabsatz, Medikamentengaben sowie bekannte Vorerkrankungen. Auch der Verlauf der Symptome seit dem Beginn wird dokumentiert, um der Klinik ein möglichst klares Bild zu vermitteln.

Das ABCDE-Schema wird bei abdominalen Notfällen um ein zusätzliches Bewertungselement ergänzt. Nachdem Atemweg, Atmung und Kreislauf stabilisiert wurden, folgt die neurologische Einschätzung mit Fokus auf Bewusstsein und Schmerz. Anschließend wird das Abdomen beurteilt: Umfang, Tympanie, Abwehrspannung, Schleimhautfarbe, kapilläre Rückfüllzeit und Körpertemperatur. Besonders wichtig ist dabei die wiederholte Re-Evaluation, da sich der Zustand bei GDV-Patienten schnell verändern kann.

Differenzialdiagnostisch müssen auch andere Ursachen eines akuten Abdomens bedacht werden. Dazu gehören Peritonitis, innere Blutungen, Darmobstruktionen oder schwere Infektionen. Im präklinischen Kontext werden jedoch alle Patienten mit entsprechenden Warnzeichen als zeitkritische Transportfälle behandelt, unabhängig von der exakten Diagnose.

Die Übergabe an die Klinik erfolgt strukturiert, häufig nach etablierten Schemata wie ISBAR oder ATMIST. Diese beinhalten Situation, Hintergrund, klinisches Assessment einschließlich ABCDE und abdominaler Befunde, bereits durchgeführte Maßnahmen sowie Empfehlungen oder offene Fragen. Ergänzende Informationen wie Fotos von Erbrochenem oder Medikamentenverpackungen können die diagnostische Einschätzung erleichtern.

Auch die Kommunikation mit den Tierhaltern spielt eine wichtige Rolle. Klare und ruhige Erklärungen helfen, die Dringlichkeit des Transportes zu vermitteln und gleichzeitig Stress zu reduzieren. Da sich emotionale Anspannung direkt auf das Verhalten des Patienten auswirken kann, ist eine deeskalierende Kommunikation ein wichtiger Bestandteil des Einsatzes.

Zusammengefasst gilt für die präklinische Versorgung eines möglichen GDV-Patienten: Verdacht früh äußern, Stress reduzieren, Sauerstoff bei Bedarf geben, Vitalparameter eng überwachen und die Klinik sofort informieren. Die entscheidende therapeutische Maßnahme ist letztlich die schnelle chirurgische Versorgung – und jede Minute, die präklinisch eingespart wird, verbessert die Überlebenschancen des Patienten.

Fallbeispiel (GDV): Großer Hund nach Fütterung zeigt wiederholtes erfolgloses Würgen, zunehmende Tympanie und eine kapilläre Rückfüllzeit von 3 s. Fokus: GDV-Verdacht erkennen, Stress minimieren, Sauerstoff bei Dyspnoe erwägen und priorisierten Transport mit Klinikvoranmeldung durchführen.

3. Harnverhalt beim Kater (FLUTD, Hyperkaliämie-Risiko)

Harnverhalt beim Kater
Abbildung 3: Harnverhalt – Strangurie/Anurie und Arrhythmierisiko durch Hyperkaliämie.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Harnverhalt beim Kater ist ein Arrhythmie-Notfall – nicht drücken, sondern sofort in die Klinik

1) Typische Halterberichte

  • häufiges Pressen ohne Urin
  • ständige Toilettengänge
  • Lecken am Penis, Schmerzlaute
  • später Erbrechen, Apathie, Schwäche

2) Warum lebensbedrohlich?

  • postrenale Azotämie
  • Hyperkaliämie
  • Bradykardie / Arrhythmien
  • Kollaps- und Herzstillstandsrisiko

3) Präklinisch sinnvoll

  • sehr vorsichtige Kurzbeurteilung
  • Rhythmus-/Perfusionsrisiko mitdenken
  • stressarme Boxung, Wärmeschutz
  • sofortige Klinikvoranmeldung

4) In der Übergabe nennen

  • Dauer der Anurie/Strangurie
  • Erbrechen, Schwäche, Bewusstseinslage
  • Herzfrequenztrend / Bradykardieverdacht
  • große, gespannte Blase – falls vorsichtig beurteilbar
Red Flags: seit vielen Stunden kein Urin, Pressen ohne Ergebnis, Erbrechen, Apathie, schwacher Puls, fallende Herzfrequenz.
NICHT Blase ausdrücken, nicht massieren, keine langen Manipulationsversuche, keine Zeit durch häusliches „Abwarten“ verlieren.

Der Harnverhalt beim Kater ist ein internistischer Notfall, der im Alltag extrem häufig vorkommt und präklinisch besonders tückisch sein kann. Der Grund ist, dass das sichtbare Problem („er kann nicht urinieren“) nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Hinter der Obstruktion entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit eine systemische Stoffwechsel- und Kreislaufkrise. Aus präklinischer Sicht ist Harnverhalt deshalb kein „urologisches Ärgernis“, sondern ein potenziell arrhythmogener Schock- und Kollapsnotfall, der schnelle Klinikzuführung zur Katheterisierung und Stabilisierung erfordert.

Ursächlich liegt meist eine Obstruktion der Harnröhre vor, häufig im Rahmen der Feline Lower Urinary Tract Disease (FLUTD). Typische Mechanismen sind Kristalle oder Grieß (z. B. Struvit), Schleimpropfen, entzündliches Debris oder ein spastisches/ödematös verengtes Urethralumen. Gerade beim Kater ist die anatomische Situation ungünstig: die Harnröhre ist länger und im distalen Verlauf enger, sodass schon relativ kleine Pfropfen zu einem kompletten Verschluss führen können. Das klinische Risiko ergibt sich aber nicht primär aus dem Schmerz, sondern aus den Folgezuständen: postrenale Azotämie, metabolische Azidose, Volumenverschiebungen und vor allem Hyperkaliämie mit lebensgefährlichen Arrhythmien.

Pathophysiologisch gilt: Wenn kein Urin abfließen kann, steigt der Druck in Blase, Harnleitern und letztlich in den Nieren. Die glomeruläre Filtration fällt ab, Stickstoffmetabolite akkumulieren, und die Ausscheidung von Kalium ist massiv eingeschränkt. Gleichzeitig verschiebt sich Kalium bei Azidose vermehrt aus den Zellen in den Extrazellulärraum. Die Hyperkaliämie trifft dann auf ein Herz, dessen Reizleitung und Erregbarkeit empfindlich reagieren: Bradykardie, Leitungsstörungen, ventrikuläre Rhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand sind möglich. Präklinisch ist das die entscheidende Gefahrenbotschaft: Der Patient kann „plötzlich“ kippen, auch wenn der Halter zunächst nur Strangurie oder Toilettengänge ohne Ergebnis berichtet.

Typische Halterberichte sind relativ konstant und sollten sofort die Alarmglocken auslösen: häufiges Aufsuchen der Katzentoilette ohne Urinabsatz, Pressen, Miauen oder Schreien, Unruhe, Lecken am Penis, teilweise nur ein blutiger Tropfenurin oder feuchter Untergrund ohne echte Blasenentleerung. Im weiteren Verlauf berichten Halter häufig über Erbrechen, Apathie, Inappetenz und zunehmende Schwäche. Ein besonders wichtiges Warnsignal ist eine zeitliche Angabe wie „seit gestern Abend“ oder „seit 24 Stunden“ kein normaler Urinabsatz. Je länger die Anurie, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer relevanten Hyperkaliämie und einer systemischen Dekompensation.

In der Ausbildung wird daher ein strukturierter „Obstruktions-Screen“ trainiert, der sich nicht auf das Abdomen allein fokussiert, sondern Herz-Kreislauf, Atemarbeit und Neurologie konsequent mitbewertet. Kernfragen sind: (1) Liegt eine komplette Anurie vor oder nur eine Strangurie mit Resturin? (2) Gibt es bereits systemische Zeichen (Erbrechen, Kollapsneigung, Somnolenz)? (3) Wie ist die Perfusion (Schleimhautfarbe, CRT, Pulsqualität, Temperatur)? (4) Wie ist die Herzfrequenz und der Rhythmuseindruck (Auffälligkeiten, insbesondere Bradykardie als mögliches Hyperkaliämiezeichen)? und (5) Wie ist die Reaktionslage/neurologische Antwort (normal wach vs. gedämpft/komatös)? Diese Orientierung ist wichtiger als „den perfekten FLUTD-Typ“ zu bestimmen.

Ein praktischer Punkt ist die Palpation der Blase. Sie kann diagnostisch helfen (große, prall gespannte Blase spricht für Obstruktion), ist aber präklinisch nur sehr vorsichtig und minimalinvasiv durchzuführen. Die Plattform betont explizit die Gefahr einer iatrogenen Blasenruptur durch grobe Manipulation oder Druck. Ein „Ausdrücken“ der Blase ist kontraindiziert: Es verursacht Schmerz, erhöht Stress und kann bei kompletter Obstruktion die Wand schädigen oder reißen. Auch Massageversuche sind gefährlich und führen fast immer zu Zeitverlust. Die wichtigste präklinische Maßnahme ist deshalb nicht die „Bauchlösung“, sondern die Transportlösung: stressarme Sicherung des Patienten und rasche Klinikzuführung zur Katheterisierung, Analgesie, Elektrolyt-/Azidosemanagement und ggf. Schocktherapie.

Das präklinische Vorgehen bleibt ABCDE-basiert, wird aber um ein urologisches Risiko-Add-on ergänzt. A/B: Atemweg und Atmung sind bei Harnverhalt meist sekundär betroffen, werden aber nicht ignoriert; Hyperkaliämie und Azidose können Atmung und Bewusstsein beeinflussen. C: Kreislauf ist zentral, weil Rhythmus-/Kollapsrisiko real ist. Hier zählen Pulsqualität, Herzfrequenztrend, CRT, Schleimhautfarbe und Temperatur. D: Bewusstsein und Schmerz sind doppelt relevant: Schmerz treibt Stress und Sympathikus, gleichzeitig kann eine zunehmende Dämpfung ein Zeichen systemischer Entgleisung sein. E: Abdomen/Blase wird nur soweit beurteilt, wie es ohne massiven Stress möglich ist. Das Ziel ist ein plausibler Befund („Blase groß/gespannt“ oder „nicht sicher beurteilbar“), nicht die perfekte palpatorische Diagnostik.

Stressarmes Handling ist bei diesem Notfall nicht „nice to have“, sondern Teil der Therapie. Katzen reagieren auf Schmerzen und Panik mit massiver adrenerger Aktivierung; das verschlechtert Perfusion, erhöht Sauerstoffbedarf und kann im Kontext einer bereits gefährdeten Reizleitung zusätzliche Instabilität erzeugen. Praktisch heißt das: ruhige Stimme, geringe Fixationsdauer, keine lauten Diskussionen über dem Patienten, möglichst wenig Umlagern, und ein schneller, reizarmer Transfer in die Transportbox. Halter werden aktiv eingebunden, weil sie das Tier meist am besten beruhigen können: kurze, klare Anweisung („Box bereit, Tür offen, Handtuch über die Box, dann zügig los“) ist effektiver als lange Erklärungen.

Wärmemanagement ist ebenfalls relevant. Viele Katzen mit fortgeschrittenem Harnverhalt wirken kühl oder hypoperfundiert; Hypothermie ist zwar nicht das Primärproblem, verschlechtert aber Kreislaufstabilität und Stressresilienz. Präklinisch wird der Patient daher warm, aber nicht überhitzt gelagert: Decke/Handtuch, Zugluft vermeiden, Transportbox ggf. isolieren. Ziel ist ein stabiler, ruhiger Transport, nicht ein „Aufpäppeln“ vor Ort. Jede Minute, die außerhalb der Klinik vergeht, reduziert das Zeitfenster für Katheterisierung und Elektrolytkorrektur.

Die Übergabe an die Klinik muss das Rhythmus- und Kollapsrisiko explizit adressieren. In der Ausbildung wird trainiert, dass nicht nur „Harnverhalt“ gemeldet wird, sondern eine strukturierte Voranmeldung, die die kritischen Parameter enthält: Dauer der Anurie/Strangurie (z. B. „seit ca. 24 h kein normaler Urin“), Erbrechen/Diarrhö, Schwäche/Kollaps, aktuelle Reaktionslage, Herzfrequenztrend (insbesondere „deutlich niedriger als erwartet“), Perfusionszeichen (CRT, Schleimhautfarbe, Pulsqualität), und – falls erhoben – der Befund „große, gespannte Blase“ oder „Blase palpatorisch sehr schmerzhaft/gespannt“. Wenn Medikamente gegeben wurden (z. B. Halter hat NSAR oder „Blasenmittel“ gegeben), werden Name, Dosis und Zeitpunkt genannt, weil das klinische Vorgehen beeinflusst werden kann.

Didaktisch wird außerdem die Differenzialdiagnose eingeordnet, ohne das Team in Diagnosespekulation zu treiben. Ein Kater mit Strangurie kann noch geringe Mengen Urin absetzen (Teilobstruktion); auch das ist ernst und gehört zeitnah in die Klinik, ist aber im Zeitdruck meist weniger kritisch als die komplette Anurie mit systemischen Zeichen. Weibliche Katzen obstruieren selten; dort stehen häufig Zystitis und Schmerzmanagement im Vordergrund. Trotzdem bleibt die präklinische Regel simpel und sicher: Jede Katze, die nicht urinieren kann und zusätzlich systemische Zeichen zeigt (Erbrechen, Apathie, Schwäche, Kollaps), ist ein Notfalltransport.

Ein typisches Fallbeispiel verdeutlicht das Muster: Ein Kater hat seit rund 24 Stunden kaum Urin abgesetzt, sitzt wiederholt pressend in der Toilette und wirkt zunehmend unruhig. Später wird er apathisch und erbricht. Die Herzfrequenz sinkt im Verlauf, der Puls wirkt schwächer. Das Lernziel lautet: postrenales Risiko und Hyperkaliämie-Gefahr erkennen, keine Manipulationsversuche (kein Massieren/kein Ausdrücken), sofortige Klinikvoranmeldung und prioritärer Transport zur Katheterisierung und Stabilisierung. Präklinisch zählt hier die professionelle Entscheidung, nicht das „Noch mal schauen“.

Im größeren Kontext der internistischen Notfälle gilt dieselbe Leitlinie: nicht „Diagnose spielen“, sondern Risiken priorisieren. Bei Harnverhalt sind Perfusion, Schmerz, Atemarbeit und Bewusstsein die Outcome-Treiber. Jede Maßnahme wird daran gemessen, ob sie diese Parameter stabilisiert oder die Klinikzeit verkürzt. Das bedeutet konkret: minimale, zielgerichtete Untersuchung, Stressreduktion, Wärmeschutz, engmaschige Re-Evaluation im Minutenraster und eine Übergabe, die die Zeitachse und die Warnzeichen klar benennt. Wenn sich der Zustand während des Transports verschlechtert (zunehmende Dämpfung, Kollapsneigung, deutlich schwächerer Puls), wird die Klinik erneut informiert, damit die Aufnahme vorbereitet und der Patient ohne Verzögerung übernommen werden kann.

Zusammengefasst ist der Harnverhalt beim Kater präklinisch ein „Arrhythmie- und Kollapsrisiko-Notfall“ mit klarer Priorität: schnelle Klinikzuführung zur Entlastung und Korrektur der metabolischen Entgleisung. Die entscheidenden Fehler, die in der Ausbildung explizit vermieden werden, sind Zeitverlust durch Ausdrück-/Massageversuche, grobe Palpation, unnötiger Stress und eine unstrukturierte Übergabe ohne Zeitachse und systemische Warnzeichen. Das Kernschema lautet: erkennen – nicht manipulieren – voranmelden – transportieren – strukturiert übergeben.

Fallbeispiel (Harnverhalt Kater): 24 h kaum Urin, Pressen, später Apathie/Erbrechen; Herzfrequenz sinkt. Fokus: postrenal + Hyperkaliämie-Risiko, keine Manipulation, stressarme Boxung, sofortige Klinikvoranmeldung und Transport.

4. Akutes Nierenversagen (prärenal/renal/postrenal)

Akutes Nierenversagen
Abbildung 4: AKI – Risikoanamnese (Toxine/NSAR) und perfusionsorientiertes Handeln.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

AKI im Feld nicht über Laborwerte denken, sondern über Risikoanamnese, Perfusion und Verlauf

1) Wichtige Ursachebenen

  • prärenal: Dehydratation, Schock, Hitze, Blutverlust
  • renal: Toxine, NSAR, Ischämie, Infektion
  • postrenal: Harnabflussstörung, Obstruktion, Ruptur

2) Risiko-Interview im Feld

  • Frostschutz-/Garagenzugang?
  • NSAR oder andere Medikamente?
  • Erbrechen, Durchfall, Hitze, Anurie/Oligurie?
  • bekannte Nieren- oder Herzerkrankung?

3) Präklinisch sinnvoll

  • Perfusion beurteilen und Trend erfassen.
  • Wärmeschutz, stressarmes Handling.
  • Keine Zwangsflüssigkeit per os.
  • Frühe Klinikvoranmeldung bei Toxinverdacht.

4) Übergaberelevante Infos

  • Zeitfenster der Exposition
  • Urinproduktion (poly-/oligo-/anurisch)
  • Erbrechen, Ataxie, Apathie, Hydratationszeichen
  • Fotos von Verpackungen / Kanistern
Red Flags: plausibler Frostschutzkontakt, Erbrechen + Ataxie, starke Dehydratation, Anurie/Oligurie, zunehmende Apathie, Hypoperfusion.
NICHT NSAR „vorsorglich“ geben, keine Hausmittel, keine orale Zwangsflüssigkeit, kein Zeitverlust durch Internet- oder Küchenlösungen.

Akutes Nierenversagen (AKI) ist präklinisch selten „eine Diagnose“, sondern meist ein Syndrom aus Dehydratation, Schock, Toxinexposition, Infektion/Sepsis oder postrenaler Abflussstörung. Für die Ausbildung ist entscheidend, dass AKI im Feld nicht über Laborwerte definiert wird, sondern über klinische Risiken, Warnzeichen und den Verlauf unter Erstmaßnahmen. Das präklinische Ziel ist daher nicht, „Kreatinin zu erraten“, sondern gefährliche Konstellationen früh zu erkennen, zusätzliche Nierenschädigung zu vermeiden, Perfusion und Temperatur zu stabilisieren und die Klinik so zu informieren, dass zeitkritische Therapien vorbereitet werden können.

Didaktisch wird AKI nach Ursachebenen strukturiert: prärenal, renal und postrenal. Prärenale Ursachen sind die häufigsten Einstiegsszenarien im Einsatz: starke Flüssigkeitsverluste (Diarrhö, Erbrechen), unzureichende Aufnahme, Hitzestress, Blutverlust, Sepsis oder jeder Zustand, der den effektiven Kreislauf füllt und die Nierenperfusion reduziert. Renale Ursachen umfassen Nephrotoxine (klassisch Ethylenglykol/Frostschutz, manche Pflanzen, Rodentizide je nach Wirkstoff), Medikamente (NSAR, in Kombination mit Dehydratation besonders riskant; ACE-Hemmer können bei hypovolämen Patienten die Perfusionsreserve senken), Ischämie, Infektionen und entzündliche Prozesse. Postrenal sind Obstruktionen (z. B. Harnverhalt, Urolithen) oder Rupturen, bei denen Urin nicht abfließen kann oder in den Körperraum gelangt. Die Plattform vermittelt dazu ein Kernprinzip: Im Feld ist die Trennlinie weniger „prärenal vs. renal“ als „perfusionskritisch vs. nicht perfusionskritisch“ – denn die ersten Minuten entscheiden, ob Hypoperfusion und Hypothermie die Situation weiter eskalieren.

Im präklinischen Setting wird ein „Nieren-Risiko-Interview“ als Standard trainiert. Es ist kurz, hochwirksam und auf belastbare Fakten fokussiert: Hat das Tier Zugang zu Frostschutz/Garage/Heizraum gehabt? Wurden in den letzten 24–72 Stunden Schmerzmittel gegeben (NSAR, „Menschenmedikamente“, Kombipräparate)? Gab es kürzlich Anästhesie, Durchfall/Erbrechen, Hitzeexposition oder eine bekannte Nierenerkrankung? Wie ist die Urinproduktion: Polyurie (viel), Oligurie (wenig), Anurie (keine) – und ist das eine Beobachtung oder nur eine Vermutung? Gibt es Hinweise auf Abflussstörung (Pressen, häufige Toilettengänge ohne Ergebnis, Schmerz beim Urinieren)? Welche Vorerkrankungen liegen vor (Herz, Niere, Endokrinologie), und welche Dauermedikamente werden gegeben? Die Ausbildung betont: Ein Foto von Verpackungen (Frostschutzkanister, Medikamentenpackung) ist oft wertvoller als eine lange Erzählung, weil Wirkstoff und Konzentration die klinische Entscheidung bestimmen.

Viele AKI-Patienten präsentieren unspezifisch. Typische klinische Zeichen sind Apathie, Inappetenz/Anorexie, Erbrechen, Dehydratation, Mundgeruch/„urämischer“ Atem, teils Abdominalschmerz, gelegentlich neurologische Auffälligkeiten (Unruhe, Ataxie, Krampfneigung) durch Urämie oder toxinbedingte Effekte. Für den Rettungsdienst ist wichtig: Unspezifisch heißt nicht harmlos. Entscheidend ist die Kombination aus Verlauf und Perfusion. In der körperlichen Untersuchung werden deshalb Schleimhäute/CRT, Pulsqualität, Herzfrequenztrend, periphere Temperatur, Hydratationszeichen (Schleimhautfeuchtigkeit, Augenstellung, Hautelastizität mit Vorsicht interpretiert), Bewusstsein sowie Atemarbeit dokumentiert. Das Ziel ist eine risikoorientierte Einschätzung: Liegen Schockzeichen oder eine ausgeprägte Dehydratation vor? Gibt es ein toxisches Muster (z. B. plötzliche Ataxie + Erbrechen nach Garagenzugang)? Gibt es Hinweise auf postrenales Problem (Anurie/Pressen + Schmerz + Apathie)?

Ein zentrales Lernziel ist die Vermeidung von typischen Fehlannahmen. Die Plattform erklärt, warum „viel trinken lassen“ kein Ersatz für eine gezielte Stabilisierung und Klinikdiagnostik ist: Bei Übelkeit/Erbrechen wird Flüssigkeit nicht zuverlässig aufgenommen, außerdem besteht Aspirationsgefahr. Bei fortgeschrittener Nierenstörung kann unkontrollierte freie Wasseraufnahme zusätzlich problematisch sein (Elektrolytverschiebungen, Erbrechen, fehlende Ausscheidung). Präklinisch gilt deshalb: keine Zwangsflüssigkeit per os, keine Hausmittel, keine „Rezepturen“ aus dem Internet, keine fraglichen Kräuter oder Öle. Ebenso gilt: keine NSAR-Gabe im Feld bei Verdacht auf Dehydratation, Schock oder Nierenproblem – das Risiko zusätzlicher renaler Ischämie und Perfusionsverschlechterung ist hoch. Stattdessen liegt der Fokus auf Wärmeschutz, Stressreduktion, Monitoring und zügigem Transport.

Bei Verdacht auf toxische Auslöser wird das Zeitfenster explizit betont. Das gilt insbesondere für Ethylenglykol: Frühphase kann sich mit Ataxie, Erbrechen, Polydipsie/Polyurie oder „betrunkenem“ Gangbild zeigen, später kippt das Bild in metabolische Entgleisung und Nierenversagen. Präklinisch ist nicht die „sichere Bestätigung“ erforderlich, sondern die professionelle Priorisierung: Wenn der Zugang plausibel ist (Garage/Frostschutz, Pfütze im Winter, Kanister) und Symptome passen, wird die Klinik vorab informiert, damit zeitkritische spezifische Therapien, Intensivmonitoring und Diagnostik vorbereitet werden können. Das gleiche Prinzip gilt für andere hochtoxische Substanzen: Je besser die Voranmeldung, desto geringer der Zeitverlust bis zur definitiven Therapie.

Operativ wird AKI in die internistische ABCDE-Logik eingebettet. A/B: Atemweg und Atmung werden beurteilt, besonders bei Erbrechen (Aspirationsrisiko) und bei schwerer Azidose (kompensatorische Tachypnoe). C: Kreislauf ist der Haupthebel, weil prärenales AKI durch Hypoperfusion oft der Trigger ist und weil viele AKI-Patienten dehydriert, hypotherm oder septisch sind. D: Bewusstsein und Schmerz werden erfasst; Apathie kann sowohl Dehydratation/Schock als auch Urämie widerspiegeln. E: Temperatur und Gesamteindruck sind entscheidend; Hypothermie verschlechtert Perfusion, Gerinnung und Stressresilienz. Im Feld wird dabei perfusionsorientiert gehandelt: Der Patient wird so gelagert, dass Stress minimiert wird, Wärmeschutz wird konsequent eingesetzt, und die Trendbeobachtung (CRT, Puls, Bewusstsein, Temperatur) erfolgt im Minutenraster. Jede Maßnahme muss dem Ziel dienen, die Klinikzeit zu verkürzen oder eine Verschlechterung während des Transports zu verhindern.

Die Plattform vermittelt außerdem, wie AKI in den Kontext anderer internistischer Hochrisiko-Bilder eingeordnet wird. Ein AKI-Verdacht kann prärenal (Dehydratation/Schock), renal (Toxin/Infektion/Ischämie) oder postrenal (Obstruktion) sein – und diese Ebenen können sich überlappen. Präklinisch wird deshalb nicht „kreatininorientiert“, sondern perfusionsorientiert gearbeitet: Flüssigkeitsstatus, Kreislauf, Urinproduktion, potenzielle Nephrotoxine und Abflussstörungen erheben. Differenzialdiagnostik im Feld heißt: rote Flaggen erkennen und die gefährliche Ursache zuerst behandeln. Beispiele im Bauchkontext sind Peritonitis, GDV, Hämorrhagie, Sepsis, Obstruktion. Alles, was nach „Bauchkatastrophe“ aussieht, wird als zeitkritischer Transportfall behandelt. Bei AKI ist die rote Flagge oft nicht der Bauchumfang, sondern der Verlauf aus Erbrechen/Dehydratation + Apathie + belastbarer Expositionsanamnese oder aus Anurie/Strangurie + systemischen Zeichen.

Die Übergabe ist Teil der Therapie. Ein standardisiertes Übergabeschema (ISBAR/ATMIST) reduziert Fehler und erhöht die Trefferquote: Situation (Verdacht AKI, toxisch vs. prärenal vs. postrenal), Hintergrund (Zugang zu Frostschutz, NSAR-Gabe, bekannte Nierenerkrankung, aktuelle Verluste), Assessment (ABCDE, Perfusionszeichen, Temperatur, neurologischer Status, Urinproduktion), Maßnahmen (Wärmeschutz, O₂ wenn indiziert, Antiemese/Analgesie nach Protokoll, Monitoring) und Empfehlung/Fragen (Welche Informationen werden noch benötigt? Gibt es ein vorbereitetes Antidot-/Intensivsetup?). Fotos (Erbrochenes, Frostschutzkanister, Medikamentenpackung) und eine klare Zeitachse („seit wann Symptome, wann möglicher Kontakt“) sind besonders wertvoll, weil sie klinische Entscheidungen beschleunigen. Auf der Ausbildungsplattform wird zudem Halterkommunikation trainiert: klare, kurze Sätze, keine falschen Versprechen, rationale Begründung für Transportpriorität, und aktive Deeskalation – denn Stress des Halters überträgt sich direkt auf den Patienten und erschwert ein ruhiges Handling.

Fallbasiert wird das toxische Szenario als typischer Prüfstein genutzt: Ein Hund hatte Zugang zur Garage, danach plötzlich Erbrechen, Ataxie und auffälliges Trinkverhalten; einige Stunden später wird er apathisch. Lehrziel: toxisches AKI in Betracht ziehen, das Zeitfenster betonen, keine Hausmittel/keine NSAR, Wärmeschutz, Monitoring, zügiger Transport mit Voranmeldung und Beweisführung (Verpackung/Fotos). Präklinisch gilt auch hier: nicht „Diagnose spielen“, sondern Risiken priorisieren. Bei internistischen Notfällen sind Perfusion, Schmerz, Atemarbeit und Bewusstsein die Outcome-Treiber. Jede Maßnahme wird daran gemessen, ob sie diese Parameter verbessert oder die Klinikzeit verkürzt.

Fallbeispiel (AKI): Hund nach möglichem Frostschutzkontakt (Garage), Erbrechen/Ataxie, anfänglich Polydipsie, später Apathie. Fokus: toxisches AKI, Zeitfenster, keine Hausmittel/keine NSAR, Wärmeschutz, Transport + Voranmeldung, Verpackung/Fotos mitnehmen.

5. Differenzialdiagnostisches Vorgehen im Feld (Algorithmen, Übergabe)

Vorgehen im Feld
Abbildung 5: Feldvorgehen – ABCDE + Red-Flags, Entscheidung und strukturierte Übergabe.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Im Feld Muster erkennen, Risiken priorisieren, Übergabe strukturieren

1) Entscheidungsraster

  • ABCDE zuerst
  • Schock ja/nein?
  • Bauchmuster / Würgen / Blutung?
  • Urin- und Hydratationsmuster?
  • Klare Transportentscheidung

2) Vier-Fragen-Check Bauch

  • erfolgloses Würgen?
  • Blutungszeichen?
  • Abwehrspannung / starke Schmerzreaktion?
  • Apathie / Dämpfung / Sepsiszeichen?

3) Trend statt Einzelwert

  • Herzfrequenz
  • Atemfrequenz
  • Temperatur
  • CRT / Schleimhautfarbe / Puls
  • Bewusstseinszustand

4) Übergabe strukturiert

  • Situation / Hintergrund
  • ABCDE + relevante Zusatzbefunde
  • durchgeführte Maßnahmen
  • Trend und Transportpriorität
Grundsatz: Wenn Red Flags vorhanden sind, ist die Aufgabe nicht „mehr herauszufinden“, sondern die Versorgungskette schneller zu machen.
NICHT konservative Hausversuche, langes Abwarten, schmerzhafte Suchpalpation oder unscharfe Übergaben ohne Zeitachse und Vitaltrend.

Das differenzialdiagnostische Vorgehen im Feld bildet das verbindende Element von Kapitel 12. Ziel ist nicht, jede mögliche Diagnose zu stellen, sondern die gefährliche Ursache frühzeitig zu erkennen und daraus die richtigen nächsten Schritte abzuleiten. Im präklinischen Kontext entscheidet nicht die diagnostische Detailtiefe über das Outcome, sondern die Fähigkeit, kritische Muster zu identifizieren und die Versorgungskette ohne Zeitverlust zu aktivieren. Die Ausbildungsplattform vermittelt deshalb ein strukturiertes Entscheidungsraster, das auf klinischen Prioritäten basiert.

Dieses Raster besteht aus fünf Kernschritten. Erstens werden unmittelbare Lebensbedrohungen nach dem ABC-Prinzip erkannt und behandelt: Atemweg, Atmung und Kreislauf haben Vorrang vor jeder differenzialdiagnostischen Überlegung. Zweitens wird unterschieden, ob ein Schockzustand vorliegt oder nicht. Drittens wird das Schmerz- und Bauchmuster analysiert, um Hinweise auf akute abdominale Katastrophen zu erkennen. Viertens werden Urin- und Hydratationsmuster eingeordnet, da diese wichtige Hinweise auf internistische Ursachen liefern können. Fünftens wird eine klare Transportentscheidung getroffen, verbunden mit einer strukturierten Voranmeldung der Klinik.

Für das akute Abdomen wird in der Ausbildung ein sogenannter Vier-Fragen-Check trainiert. Diese Fragen dienen dazu, innerhalb weniger Minuten die gefährlichsten Ursachen herauszufiltern. Die erste Frage lautet: Gibt es erfolgloses Würgen oder wiederholte Brechversuche ohne Inhalt? Dieses Muster ist ein klassischer Hinweis auf eine mögliche Magendrehung. Die zweite Frage betrifft mögliche Blutungszeichen, etwa blasse Schleimhäute, Kollaps oder Blut im Erbrochenen oder Kot, was auf Hämorrhagie oder Koagulopathien hinweisen kann. Die dritte Frage prüft das Vorliegen einer harten Abwehrspannung oder hochgradigen Schmerzreaktion im Abdomen, was auf Peritonitis oder eine Ruptur hindeuten kann. Die vierte Frage richtet sich auf den neurologischen Zustand: Eine zunehmende Dämpfung oder Apathie kann Ausdruck einer Sepsis, Urämie oder schweren Elektrolytstörung sein.

Parallel dazu wird konsequent ein sauberer Vitaltrend erhoben. Dazu gehören Herzfrequenz, Atemfrequenz, Körpertemperatur, Schleimhautfarbe und kapilläre Rückfüllzeit, Pulsqualität sowie der neurologische Status des Patienten. Wenn möglich werden auch abdominale Parameter dokumentiert, etwa Bauchumfang, Tympanie oder der Zustand der Harnblase. Wichtig ist dabei nicht nur der Einzelwert, sondern der Verlauf über Minuten hinweg. Eine zunehmende Verschlechterung des Kreislaufs oder eine rapide Veränderung des Bewusstseinszustandes sind oft der entscheidende Hinweis auf eine eskalierende internistische Krise.

Die Ausbildung betont außerdem, dass internistische Notfälle häufig nicht eindeutig einer einzelnen Disziplin zugeordnet werden können. Viele Krankheitsbilder überlappen sich in ihrer klinischen Präsentation. Eine Magendrehung kann beispielsweise sekundär zu Atemnot führen, eine Harnröhrenobstruktion kann über Hyperkaliämie kardiale Rhythmusstörungen verursachen, und eine Sepsis kann zunächst wie unspezifischer Bauchschmerz erscheinen. Aus diesem Grund wird der Fokus konsequent auf das Gesamtbild des Patienten gelegt und nicht auf isolierte Einzelbefunde.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Kommunikation mit der aufnehmenden Klinik. Diese wird als integraler Bestandteil der präklinischen Versorgung verstanden. Die Plattform trainiert daher klare und strukturierte Übergaben. Dazu gehört eine kurze Verdachtsdiagnose, beispielsweise „Magendrehung wahrscheinlich“, gefolgt von den wichtigsten Red-Flags wie „kapilläre Rückfüllzeit drei Sekunden, Puls schwach, wiederholtes erfolgloses Würgen“. Ebenso wichtig ist eine klare Fragestellung an die Klinik, etwa ob eine Operationsbereitschaft vorbereitet werden soll. Diese Art der Kommunikation reduziert Missverständnisse und beschleunigt die Vorbereitung der klinischen Behandlung.

Fallbeispiele werden gezielt eingesetzt, um typische Fehlentscheidungen zu vermeiden. Ein häufiges Problem ist der Versuch, zunächst konservative Maßnahmen oder Hausmittel auszuprobieren, etwa einen Spaziergang oder das Abwarten auf der Katzentoilette. Ebenso problematisch ist eine lange und schmerzhafte Palpation des Abdomens in der Hoffnung, eine eindeutige Diagnose zu ertasten. Solche Maßnahmen kosten Zeit, erhöhen Stress und verschlechtern oft den Kreislaufzustand des Patienten. Stattdessen werden robuste und wiederholbare Algorithmen trainiert, die sich auf Risikoerkennung und schnelle Transportentscheidungen konzentrieren.

Im praktischen Ablauf wird deshalb das ABCDE-Schema um ein abdominales Zusatzmodul erweitert. Zunächst werden Atemweg, Atmung und Kreislauf stabilisiert. Anschließend erfolgt die neurologische Einschätzung mit Fokus auf Bewusstsein und Schmerz. Erst danach wird das Abdomen vorsichtig beurteilt: Bauchumfang, Tympanie, Abwehrspannung, Schleimhautfarbe, kapilläre Rückfüllzeit und Temperatur. Entscheidend ist dabei die kontinuierliche Re-Evaluation. Internistische Notfälle verändern sich häufig innerhalb weniger Minuten, weshalb ein einmaliger Befund niemals als endgültig betrachtet werden darf.

Auch andere internistische Szenarien werden im Rahmen dieses Entscheidungsrasters eingeordnet. Bei der Magendrehung zählt jede Minute, da der obstruktive Schock rasch fortschreiten kann. Beim Harnverhalt des Katers steht das Risiko einer Hyperkaliämie mit potenziell tödlichen Arrhythmien im Vordergrund. Beim akuten Nierenversagen können Dehydratation, Toxinexposition oder postrenale Obstruktionen eine Rolle spielen. Trotz dieser unterschiedlichen Ursachen bleibt die präklinische Strategie gleich: Perfusion sichern, Stress reduzieren, kritische Zeichen erkennen und den Transport priorisieren.

Die Dokumentation spielt dabei eine entscheidende Rolle. Für die Übergabe werden standardisierte Informationspunkte festgelegt. Dazu gehören eine klare Zeitachse des Ereignisses, Angaben zur Fütterung und möglichen Medikamentengaben, Informationen zum Urinabsatz, zu Erbrechen oder Durchfall, das beobachtete Schmerzverhalten sowie der Verlauf der Vitalparameter während des Einsatzes. Jede durchgeführte Intervention wird ebenfalls dokumentiert, um der Klinik eine möglichst vollständige Entscheidungsgrundlage zu liefern.

Ein strukturiertes Übergabeschema wie ISBAR oder ATMIST hilft, diese Informationen präzise zu übermitteln. Dabei werden zunächst die aktuelle Situation und der Hintergrund beschrieben. Anschließend folgt das klinische Assessment, das die ABCDE-Beurteilung sowie abdominale oder urologische Befunde umfasst. Danach werden bereits durchgeführte Maßnahmen genannt, gefolgt von Empfehlungen oder offenen Fragen an das klinische Team. Zusätzliche Informationen wie Fotos von Erbrochenem oder Medikamentenpackungen können die diagnostische Einschätzung erheblich erleichtern.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Ausbildung ist die Kommunikation mit Tierhaltern. Diese erfolgt bewusst klar und sachlich. Ziel ist es, die Dringlichkeit der Situation zu vermitteln, ohne unnötige Angst zu erzeugen. Gleichzeitig wird darauf geachtet, Stress zu reduzieren, da die emotionale Anspannung der Halter häufig direkt auf den Patienten übertragen wird. Kurze, verständliche Erklärungen und eine transparente Darstellung der nächsten Schritte helfen dabei, Vertrauen aufzubauen und den Transportprozess reibungslos zu gestalten.

Zusammenfassend gilt für das differenzialdiagnostische Vorgehen im Feld ein zentrales Prinzip: Präklinisch wird nicht versucht, jede Diagnose zu stellen. Stattdessen werden Risiken priorisiert und die Behandlungsschritte darauf ausgerichtet, lebensbedrohliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Bei internistischen Notfällen sind Perfusion, Schmerz, Atemarbeit und Bewusstsein die entscheidenden Parameter. Jede Maßnahme wird danach bewertet, ob sie diese Faktoren stabilisiert oder die Zeit bis zur klinischen Behandlung verkürzt.

Fallbeispiel (Vorgehen): Patient mit akutem Bauchschmerz unklarer Ursache. Fokus: ABCDE-Schema anwenden, Schockzustand beurteilen, Red-Flags erkennen und eine klare Transportentscheidung mit strukturierter Übergabe treffen.

Selbsttest (10 von 20 Fragen)

Single-Choice: pro Frage eine richtige Antwort. Bestehensgrenze: 70%. (Richtige Antwortpositionen sind gemischt.)

Frage 1: Welche Konstellation spricht im Feld am stärksten für einen zeitkritischen Bauchnotfall?

Frage 2: Welches Muster ist für eine Magendrehung (GDV) besonders typisch?

Frage 3: Warum ist GDV so schnell lebensbedrohlich?

Frage 4: Welche Aussage zum Harnverhalt beim Kater ist korrekt?

Frage 5: Welche Vorgehensweise bei palpatorisch gespannter Blase ist am sichersten?

Frage 6: Welche Exposition ist besonders verdächtig für toxisches akutes Nierenversagen beim Hund?

Frage 7: Welche Medikamentengruppe kann bei Dehydratation die Niere zusätzlich gefährden?

Frage 8: Was ist das Ziel der Differenzialdiagnostik im Feld bei internistischen Notfällen?

Frage 9: Welche Information ist bei Übergabe eines GDV-Verdachtsfalls besonders wichtig?

Frage 10: Welche Aussage trifft auf „akutes Abdomen“ am ehesten zu?

Frage 11: Welche Maßnahme ist bei GDV-Verdacht im Feld am sinnvollsten?

Frage 12: Was ist bei starkem Bauchschmerz mit Schockzeichen am wichtigsten?

Frage 13: Welche Kombination passt am ehesten zu Hypovolämie/Schock?

Frage 14: Warum ist „Blase ausdrücken“ beim Harnverhalt gefährlich?

Frage 15: Welche Aussage zur Hyperkaliämie bei Harnverhalt ist korrekt?

Frage 16: Welche Halteranweisung ist bei akutem Abdomen am sinnvollsten?

Frage 17: Welche Aussage zu Schmerzbeurteilung im Feld stimmt am ehesten?

Frage 18: Welche Maßnahme ist bei Verdacht auf Ethylenglykol besonders zeitkritisch?

Frage 19: Welche Beobachtung ist bei GDV als Verlaufskontrolle sinnvoll?

Frage 20: Welche Aussage zur Feld-Diagnostik ist korrekt?

Fallsimulation (funktional)

Ziel: GDV-Szenario – Verdacht äußern → supportive Maßnahmen → Übergabe mit Red-Flags.

Klicke auf „Simulation starten“.
© Tier-Notruf Ausbildungsplattform · Kapitel 12 Internistische Notfälle
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